Werke von Luis die Matteo, Flausimo Vale, Astor Piazzolla und anderen

Huella

South American Music for Violin & Piano. Carlos Johnson (Violine), Rieko Yoshizumi (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Kaleidos KAL 6329-2
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 70

Auch wenn viele von ihnen in Europa studiert haben: Ins­ge­samt sind lateinamerikanis­che Kom­pon­is­ten in den europäis­chen Konz­ert­sälen oder auf dem hiesi­gen CD-Markt sel­ten vertreten. Eine CD mit nicht weniger als vierzehn Kom­pon­is­ten und Werken aus fünf Län­dern Südamerikas darf daher von vorn­here­in einen hohen Reper­toirew­ert für sich beanspruchen. Der aus Peru stam­mende Geiger Car­los John­son, Konz­ert­meis­ter der Lübeck­er Phil­har­moniker, und die japanis­che Pianistin Rieko Yoshizu­mi, Pro­fes­sorin an der Dres­d­ner Musikhochschule, haben ein zugle­ich anspruchsvolles wie abwech­slungsre­ich­es Pro­gramm zusam­mengestellt.
Als Hauptwerke der CD mag man das Duo von Luis di Mat­teo, 1934 in Uruguay geboren, und die Pam­peana I op. 16 von Alber­to Ginastera betra­cht­en, dessen 100. Geburt­stag man in diesem Jahr bege­ht. Das dreisätzige, sonate­nar­tige Werk des Ban­do­neon-Vir­tu­osen Luis di Mat­teo, den bei­den Inter­pre­ten gewid­met, atmet unverkennbar den Geist des Tan­gos in kon­trastre­ichen, manch­mal allerd­ings etwas sprö­den Aus­prä­gun­gen bis zum finalen „Epi­l­o­go fre­neti­co“.
Ginasteras zehn­minütige argen­tinis­che Rhap­sodie von 1947 fol­gt im Wesentlichen dem zweit­eili­gen Langsam-schnell-Schema, wobei der vir­tu­ose Abschluss aus einem „Malam­bo“, dem typ­is­chen Gau­cho-Tanz im 6/8-Takt, beste­ht. Das Stück besticht mit pub­likum­swirk­samer, fla­geo­lett- und pizzi­ca­tor­e­ich­er, oft Gitar­ren­wirkun­gen imi­tieren­der Vir­tu­osität vor allem des Geigen­parts.
Die 2006 geschriebene Suite Vene­zolana des 1959 gebore­nen Paul Desenne stellt in ihrer mod­erneren Ton­sprache noch deut­lich höhere Ansprüche an die Into­na­tion des Geigers wie an das Auf­fas­sungsver­mö­gen des Hör­ers. Das Aus­gangs­ma­te­r­i­al des vier­sätzi­gen Werks entstammt der Lied- und Tanz­folk­lore Venezue­las.
Die kürz­eren Stücke der Brasil­ian­er Mozart C. Guarnieri, Heitor Vil­la-Lobos (Gesang des schwarzen Schwans) und Flausi­no Vale, die peru­anisch inspiri­erten Beiträge von José Car­los Cam­pos, Ren­zo Bracesco (Can­to Incaico), Edgar Val­cár­cel und Ernesto Min­dreau (Marinera y ton­dero in ein­er spritzi­gen Bear­beitung Car­los John­sons), die Salon­stücke der Argen­tinier José Bra­ga­to (Impre­sion­ista) und Julián Aguirre (Huel­la [Spur], das titel­gebende Stück der CD, in ein­er Bear­beitung von Heifetz), schließlich Mi Tere­si­ta von Tere­sa Car­reño und der tem­pera­mentvolle Tan­go en la von Astor Piaz­zol­la run­den das Bild dieser Edi­tion auf erfreulich vielschichtige Weise ab.
Auch wenn kleinere Wün­sche in Into­na­tion, Vibra­tokon­ti­nu­ität und klavieris­tis­ch­er Durch­sichtigkeit offen bleiben, so überzeugt das Duo Johnson/Yoshizumi mit engagierten, rhyth­misch pointierten und dynamisch kon­trastre­ichen Inter­pre­ta­tio­nen bei gut aus­bal­anciertem Klang­bild. Der Book­let-Essay von Richard Erkens gibt eine ken­nt­nis­re­iche Ein­führung in die Materie.
Rain­er Klaas