Hilary Hahn

A Portrait. Directed by Benedict Mirow

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 00440 073 4192
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 86

Man muss schon lange suchen, bis man beim DVD-Porträt von Hilary Hahn endlich her­aus­bekommt, welche Orch­ester die „Jahrhun­dert-Geigerin“ begleit­en. Auf der Hülle ste­ht nichts, immer­hin ver­weist ein Aufk­le­ber auf dem Cov­er auf den Diri­gen­ten Kent Nagano. Noch klein­er gedruckt find­en sich dann auch endlich die Orch­ester – im Bei­heft auf der let­zten Seite. Dabei sind immer­hin das Deutsche Sym­phonie-Orch­ester (DSO) sowie das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra und The Hong Kong Phil­har­mon­ic Orches­tra zu erleben.
Noch dazu dirigieren neben Nagano zudem Sir Col­in Davis und Gün­ter Her­big, deren Namen aber auf dem Cov­er-Aufk­le­ber eben­falls nicht auf­tauchen. Wenn dann auch noch „pri­vate Momente“ ver­sprochen und auf der DVD nicht wirk­lich ein­gelöst wer­den, ist die Ver­wirrung groß. Denn wer per­sön­liche Ein­blicke in Kind­heit, Jugend und Fam­i­lie des Geigen­stars erwartet, wird ent­täuscht. Dafür wird aber ein sehenswertes Bild der Beruf­s­geigerin Hahn geze­ich­net.
So begleit­et man die Jet­set­terin nach Hongkong, Lon­don, Berlin, München und Dres­den. Zumin­d­est etwas per­sön­lich wird es, wenn Hahn durch das Cur­tis Insti­tute in Philadel­phia führt, an dem sie studiert hat. Da zeigt sie etwa den Raum, in dem sie nach ihrem ersten Vor­spiel auf das Ergeb­nis wartete, oder die Couch, auf der sie sich als Stu­dentin lüm­melte. An ein­er Wand hängt wiederum ein Foto, das auch Jascha Heifetz zeigt.
„Heifetz lächelt tat­säch­lich auf diesem Bild“, stellt Hahn etwas belustigt fest, „das ist ungewöhn­lich.“ Komisch nur, dass man dies auch von ihr selb­st sagen kön­nte – zumin­d­est lächelt Hahn auf ihren CD-Cov­er so gut wie nie. Es sind solche Details, die den Film sehenswert machen, denn Regis­seur Bene­dict Mirow ist es gelun­gen, ein authen­tis­ches, unver­fälscht­es, ungeschöntes Bild von Hahn einz­u­fan­gen. Nur sel­ten wird kom­men­tiert, anson­sten führt und redet vor allem Hahn selb­st.
Das Bild, das sie dabei von sich zeich­net, ver­mit­telt zuweilen bek­lem­mende Naiv­ität. An vorder­ster Stelle rang­ieren ihre Äußerun­gen über Musik und Kom­pon­is­ten, ins­beson­dere über Erich Wolf­gang Korn­gold. Er sei in die USA gegan­gen und zum Filmkom­pon­is­ten gewor­den. Offen­bar weiß Hahn nicht, dass Korn­gold als Jude vor den Nazis flücht­en musste und die Film­musik im US-Exil seine einzige Chance war, worunter er – wie viele andere auch – sehr gelit­ten hat. Doch sie sagt es selb­st: „Ich ver­suche nicht etwas auszusagen“, sie wolle Musik nur präsen­tieren, so Hahn über ihren generellen Inter­pre­ta­tion­sansatz.
Tat­säch­lich besticht denn auch ihr Spiel mit tech­nisch bril­lantem Schön­klang, wenn sie mit dem sen­si­bel beglei­t­en­den DSO unter Nagano Korn­golds Vio­linkonz­ert gestal­tet. Eine aufrüt­tel­nde, tiefe, erschüt­ternde Deu­tung darf man allerd­ings von ihr nicht erwarten. Da stört es dann auch nicht weit­er, dass Tul­ly Pot­ter im Bei­heft Hahn stets beim Vor­na­men nen­nt: Denn sie selb­st gibt sich als kleines Mäd­chen von nebe­nan, eine ern­sthafte Musik­erin präsen­tiert sich hier nicht.
Mar­co Frei