Hilmes, Oliver

Herrin des Hügels

Das Leben der Cosima Wagner

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Siedler, München 2007
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 73

Mit dem Par­si­fal und Richard Wag­n­ers Tod begann die Erfol­gs­geschichte Bayreuths. Es war Cosi­ma Wag­n­er, die Witwe, die die Bayreuther Fest­spiele, die Wag­n­er nach der Urauf­führung des Rings für gescheit­ert hielt und die acht Jahre später mit dem Par­si­fal wieder aufgenom­men wur­den, in ein fluk­tu­ieren­des Unternehmen ver­wan­delte, das Gewinn abwarf und in den gesellschaftlichen Mit­telpunkt rück­te. Man kann ihr gewiss viel vor­w­er­fen. Aber man muss zugeben, dass Cosi­ma, die Richard um mehr als 40 Jahre über­lebte, am Grü­nen Hügel mehr als 30 Jahre lang Erfol­gs­geschichte geschrieben hat, wenn auch nicht eben im Geiste Richard Wag­n­ers: „Auf unserem Hügel ist nun die feste Burg. In diesem Gottes-Haus sind alle berufen, die nur wahrhaftig und notge­drun­gen sind.“ Diese Äußerung Cosi­ma Wag­n­ers ist vor allem das Doku­ment ein­er Reli­gion­s­grün­dung in Bayreuth, ein­er Reli­gion, die sie gegrün­det hat und als deren Hohe­p­ries­terin sie sich emp­fand.
Wie es dazu kam, schildert Oliv­er Hilmes in sein­er Biografie, die zu einem Gut­teil auch eine Wag­n­er-Biografie ist, sehr detail­liert. Nach Alma Mahler, der Witwe im Wahn, hat sich der stabreim­lüsterne Autor nun der Her­rin des Hügels zuge­wandt. Das Ergeb­nis ist eine außeror­dentlich fundierte, gut les­bar (wenn auch nicht ger­ade ani­mierend) geschriebene und her­vor­ra­gend recher­chierte, sich ganz auf Quellen stützende, abso­lut sach­liche Biografie der zweit­en Wag­n­er-Gat­tin.
Cosi­ma Wag­n­er schrieb Ide­olo­gie- und Gesellschafts­geschichte. Hilmes macht das ver­ständlich, indem er den psy­chol­o­gis­chen, weltan­schaulichen und biografis­chen Dis­po­si­tio­nen der prob­lema­tis­chen Per­sön­lichkeit Cosi­ma Wag­n­ers nachge­ht. Auf der Grund­lage eines etwas bre­it angelegten Psy­chogramms schildert er ungeschminkt die unter­wür­fige Ehe­frauen­rolle und den pathetis­chen Tem­pel­dienst der Liszt-Tochter, deren Wag­n­er-Kult nach Wag­n­ers Tod Bayreuth zum Bren­npunkt deutsch-nationalen (anti­semi­tis­chen) Denkens machte und zur Voraus­set­zung hitler-sch­er Wag­n­er-Vere­in­nah­mung und ‑Ver­fälschung wurde. Man hätte sich zwar etwas mehr psy­chol­o­gis­che und sprach­liche Zus­pitzung des Texts gewün­scht. Es fehlt ihm an Attrak­tiv­ität und Span­nung.
Aber dafür wartet Hilmes mit ein­er ersten umfan­gre­ichen Cosi­ma-Wag­n­er-Biografie auf, die ganz aus dem Geist wis­senschaftlich­er Auseinan­der­set­zung mit Richard Wag­n­ers zweit­er Gat­tin geschrieben ist, fern aller Anbe­tung, Verk­lärung oder Ide­al­isierung, was fast allen bish­eri­gen Cosi­ma-Wag­n­er-Biografien vorzuw­er­fen ist. Insofern darf das Buch zweifel­los als kün­ftiges Stan­dard­w­erk gel­ten.
Dieter David Scholz