Ulm, Renate (Hg.)

Haydns Londoner Symphonien

Entstehung – Deutung – Wirkung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: dtv/Bärenreiter, München/Kassel 2007
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 77

Konz­ert­führer gibt es viele, sowohl his­torische als auch aktuelle. Und Haydns Lon­don­er Sym­phonien, die die Gat­tung entschei­dend prägten, wer­den dort immer the­ma­tisiert. Hinzu kom­men die wis­senschaftlichen Arbeit­en u.a. von Rob­bins Lan­don, der in sein­er Chron­i­cle and Works auch auf jede einzelne Sym­phonie einge­ht. Deshalb die Frage: Muss es einen weit­eren Konz­ert­führer geben, der sich – zugegeben­er­maßen ein wenig umfan­gre­ich­er – erneut diesem Reper­toire wid­met?
Diese Frage beant­wortet sich jedoch von selb­st, wenn man das kleine Taschen­buch in die Hand nimmt und die einzel­nen Werk­be­tra­ch­tun­gen und die genau­so inter­es­san­ten kurzen Essays liest. Die Lek­türe macht unge­mein Spaß und man möchte das Buch kaum wegle­gen. Schon der ein­lei­t­ende Überblick über Haydns Lon­don­er Sym­phonien ist auf­schlussre­ich und vergnüglich zugle­ich. Kaum wurde zuvor ver­sucht, auf so engem Raum einige Charak­ter­is­ti­ka dieser Werk­gruppe so span­nend aufzuar­beit­en und gle­ichzeit­ig mit nahezu Haydn’schem Humor diese selb­st in Frage zu stellen. Denn für fast alle als Merk­male her­aus­gestell­ten Kom­po­nen­ten lis­tet der Autor auch deren Aus­nah­men auf, weshalb man sich hin­ter­her wieder fra­gen muss, ob es bei den zwölf Kom­po­si­tio­nen ein­heitliche Gestal­tungs- oder Kom­po­si­tion­sprinzip­i­en über­haupt gibt. Und doch entspricht diese Darstel­lung des Kom­pon­is­ten der „falschen Reprise“, der immer wieder die Hörge­wohn­heit­en sein­er Rezip­i­en­ten humoris­tisch unter­läuft, der Haydn’schen Musik.
Bei den Werk­be­tra­ch­tun­gen, die auch für den musikalis­chen Laien ver­ständlich sind, weil sie keine raum­greifende Analyse vor­legen, und den knap­pen, the­ma­tisch gebun­de­nen all­ge­meinen Essays, die an Hör­funk­fea­tures erin­nern, spürt man, dass die Autoren gewohnt sind, fach­spez­i­fis­che Sachver­halte ein­er all­ge­mein gebilde­ten Leser­schaft näher zu brin­gen. Nicht alle Beiträge sind auf dem gle­ichen sprach­lichen und betra­ch­t­en­den Niveau, aber kein­er fällt wirk­lich gravierend neg­a­tiv auf. Vor allem die Werkbeschrei­bun­gen, in denen ver­sucht wird, die damals gülti­gen Rezep­tionsvorstel­lun­gen mit den von Haydn bewusst so gestal­teten Über­raschungsmo­menten zu kon­terkari­eren, sind erhel­lend und erk­lären die Musik in ihrer Funk­tion weit mehr als viele aus­führliche har­monis­che und for­male Analy­sen.
Umgeben wird eine jede Werk­be­tra­ch­tung mit ein­er Bildbeschrei­bung sowie einem Essay über ver­schiedene biografis­che, all­ge­meingeschichtliche oder rezep­tion­shis­torische Aspek­te. Zusam­mengenom­men ergibt dies ein lebendi­ges Haydn-Bild über Leben und Musik des Esterházy’schen Kapellmeis­ters, auch wenn man jeden einzel­nen Artikel eben­so für sich lesen kann. Es bleibt nur ein Wun­sch offen: die Antwort auf die Frage, wann die Fol­ge­bände erscheinen.
Kle­mens Fiebach