Turkovic, Milan

Hast du Töne!

Ein musikalisches Tagebuch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Residenz, St. Pölten 2005
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 79

Von dem namhaften Fagot­tis­ten Milan Turkovic ist ein weit­eres Buch erschienen, welch­es das Musik­leben im All­ge­meinen, aber auch seine Erfahrun­gen und Erleb­nisse in über vierzig Beruf­s­jahren im Beson­deren darstellt. Der Titel Hast du Töne! ver­spricht ein inter­es­santes Lesev­ergnü­gen und ergänzt in sin­nvoller Weise das 1998 erschienene Buch sen­za sor­di­no. Was Musik­er tagsüber tun.
Bedauer­licher­weise wurde ver­säumt, dem Leser genauere Infor­ma­tio­nen über Per­son und Werde­gang des Autors zu ver­mit­teln. Milan Turkovic wurde 1939 in Zagreb geboren, entstammt ein­er öster­re­ichisch kroat­is­chen Fam­i­lie und wuchs in Wien auf. Er studierte in Wien und Det­mold, war Mit­glied der Phil­har­mo­nia Hun­gar­i­ca und der Bam­berg­er Sym­phoniker, wurde 1967 Solofagot­tist der Wiener Sym­phoniker und spielt seit vie­len Jahren unter der Leitung von Niko­laus Harnon­court im Con­cen­tus Musi­cus Wien. Nach sein­er Lehrtätigkeit an der Hochschule Mozar­teum erhielt er 1992 einen Ruf als Pro­fes­sor an die Uni­ver­sität für Musik in Wien. Dort war er bis zu sein­er Emer­i­tierung im Jahr 2003 tätig. Sei­ther inten­sivierte er seine Dirigiertätigkeit und hat sich dabei auf die Leitung von Kam­merorch­estern und großen Bläserensem­bles spezial­isiert.
In seinem neuen Buch berichtet Turkovic in unter­halt­samer und infor­ma­tiv­er Weise über die
langjähri­gen Erfahrun­gen sein­er kün­st­lerischen Tätigkeit. „In meinem wun­der­baren Beruf erlebe ich immer wieder die Vielfalt und den Reich­tum der Musik sowie des Umfelds, in dem sie entste­ht.“ Im Vor­wort sorgt er sich darüber, dass durch die Form des Rück­blicks der Ein­druck entste­hen kön­nte, er sei schon am Ende sein­er beru­flichen Lauf­bahn ange­langt. Auf­grund sein­er umfassenden kün­st­lerischen Aktiv­itäten ist diese Sorge sich­er nicht begrün­det. Turkovic schreibt: „Meine Ziel­gruppe sind Men­schen, die Musik lieben. […] Ich hoffe, dass mit diesem Buch ver­mit­telt wer­den kann, welch wun­der­voll ver­rück­te und aufre­gende Sphäre einen Musik­er umgibt. Eben­so hoffe ich, dass man zwis­chen und in den Zeilen die Dankbarkeit und den Enthu­si­as­mus meinem Beruf gegenüber spürt.“ Diese Absicht ist über die gesamte Länge des Buchs hin­weg nachzu­vol­lziehen.
Turkovi´c stellt den Begriff con­certare („etwas miteinan­der in Übere­in­stim­mung brin­gen, etwas miteinan­der bewirken, zusam­men­wirken“) in den Mit­telpunkt kri­tis­ch­er Gedanken. Er kon­trastiert das bedin­gungslose Miteinan­der in der Kam­mer­musik und das musikalis­che Einord­nen in das Orch­esterkollek­tiv mit dem heuti­gen gesellschaftlichen Zusam­men­leben, der erbar­mungslosen Ich-Bezo­gen­heit unser­er Selb­stver­wirk­lichungs­ge­sellschaft. Er beklagt die Ver­mark­tung der Oper in Verbindung mit Golf als gesellschaftlich­es Event, die unbe­strit­tene Über­al­terung des Pub­likums, die weltweite Konz­ert­saalflucht und die ange­bliche Mitschuld überkommen­er Klei­dungsrituale. Friedrich Gul­da wird als leuch­t­en­des Beispiel ange­führt, wie man völ­lig leg­er im Konz­ert auch jugendliche Hör­er ansprechen kann. Der Autor schreibt über den Sinn von Meis­terkursen, über Aus­bil­dungskri­te­rien der Musikhochschulen, Probe­spiele und Beruf­ser­folge der Studieren­den, über elitäre E- und volk­stüm­liche U‑Musik, fern­er in unter­halt­samer und heit­er­er Form über seine Erleb­nisse und Begeg­nun­gen: infor­ma­tiv über den All­t­ag eines Musik­ers, kri­tisch über Stars, Allüren und Mimosen.
Turkovic eröffnet nicht nur dem Experten, son­dern auch dem Lieb­haber in einem weit­en Radius die Wun­der­welt der Musik. Eine empfehlenswerte Lek­türe und auch ein ide­ales Geschenkbuch für eine musik­in­ter­essierte Leser­schaft.
Alfred Rinder­spach­er