Mahlert, Ulrich (Hg.)

Handbuch Üben

Grundlagen – Konzepte – Methoden

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2006
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 82

Üben, ob als verord­nete und müh­same, oft ungeliebte Pflicht oder als selb­st­bes­timmtes, lustvoll han­del­ndes Sich-Ver­tiefen, nimmt für alle Musizieren­den den weitaus größten Teil ihrer musikalis­chen Tätigkeit ein. Obwohl in diesem Sinn Dauerthe­ma aller musikalisch aktiv­en Laien und Profis und weit erörtertes The­ma instru­men­tal­didak­tis­ch­er Einzel­darstel­lun­gen, fehlte bish­er eine Zusam­men­schau der unter­schiedlichen Ansätze. Diese Lücke schließt die vor­liegende von Ulrich Mahlert her­aus­gegebene Pub­lika­tion. In 18 Einze­lauf­sätzen näh­ern sich die Autorin­nen und Autoren, denen die eigene musikprak­tis­che Tätigkeit gemein­sam ist, dem Üben durch unter­schiedliche Ansätze und Konzepte, die neben musikalis­chen auch philosophis­che, phys­i­ol­o­gis­che, lern­the­o­retis­che, psy­chol­o­gis­che und päd­a­gogis­che Sichtweisen berück­sichti­gen.
Ein­führend erweit­ert Mahlert neben ein­er the­o­retis­chen Begriffs­bes­tim­mung das Blick­feld der Didak­tik des Übens um die Bedeu­tung indi­vidu­eller Lern­wege. Aus neu­ro­phys­i­ol­o­gis­chen Grund­la­gen des musikalis­chen Übens leit­et Eckart Alten­müller prak­tis­che Hin­weise für förder­lich­es Üben ab, die Horst Hilde­brandt aus phys­i­ol­o­gis­ch­er Sicht bestätigt und erweit­ert. Den Grun­driss ein­er Didak­tik des Übens entwirft Anselm Ernst, um alle Facetten des Übens zum bewussten Bestandteil des Lehr-Lern-Prozess­es zu machen. Die eigentlich selb­stver­ständliche, den­noch aber oft aus­ge­blendete enge Beziehung zwis­chen tech­nis­chem Üben und musizieren­dem Gestal­ten the­ma­tisiert Christoph Richter.
Beson­deren Aspek­ten und speziellen Tech­niken wid­men sich Auf­sätze über mimetis­ches Üben (Renate Wieland), Üben im Ensem­ble (Wolf­gang Rüdi­ger), Impro­visieren (Her­bert Wiede­mann), motorische Automa­tisierung­sprozesse (Mar­i­on Sax­er), Üben im Flow (Andreas Burzik), men­tales Üben (Chris­t­ian A. Pohl) und Üben in der Lern­the­o­rie von Edwin E. Gor­don (Almut Süberkrüb). Ergänzt wird dieser Bere­ich durch einen Beitrag von Michael Dartsch zu Möglichkeit­en des Übens im Vor- und Grund­schu­lal­ter, der statt ein­er Defiz­ito­ri­en­tierung die Charak­ter­is­ti­ka des Kinde­salters im Hin­blick auf das Üben in den Mit­telpunkt stellt. Ein Gespräch über Übun­gen zur Förderung kör­per­lich­er und men­taler Bewuss­theit ste­ht am Ende der Pub­lika­tion. Zuvor run­den eher über­ge­ord­nete Auf­sätze über Üben und Inter­ak­tion zwis­chen Spiel­er und Hör­er (Wolf­gang Less­ing), die Beziehun­gen von Üben und Sprechen (Ger­hard Man­tel), die Funk­tion des Intu­itiv­en (Volk­er Biesen­ben­der) und über den Umgang mit Fehlern (Peter Röbke) die Zusam­men­schau des Übens ab.
In ihrer Unter­schiedlichkeit ergänzen sich die Beiträge, durch Über­schnei­dun­gen und Querver­weise zeich­net sich aber auch eine Grund­lage ab, auf der sich möglicher­weise ein zukün­ftiges Gesamtkonzept entwick­eln kann. Schade nur, dass ein Stich­wortverze­ich­nis fehlt.
Ger­ade die Vielfalt der Einze­lan­sätze bietet allen Leserin­nen und Lesern – ange­sprochen wer­den Beruf­s­musik­er, Ama­teure, Schüler, Eltern, Studierende und Lehrende – die Chance, Anre­gun­gen und eigene Ansatzpunk­te zu find­en. In diesem Sinne kann die Pub­lika­tion den ein­gangs for­mulierten Anspruch ein­lösen, näm­lich dazu anzuleit­en, per­sön­liche Zugänge zum Üben zu find­en und eine eigene Übekul­tur zu entwick­eln (S. 8), mithin per­sön­lichkeits­bilden­des Üben zu fördern.
Katha­ri­na Schilling-Sandvoß