Günter Wand

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin. Werke von Beethoven, Strawinsky, Tschaikowsky, Bruckner u.a.

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler PH 10046, 8 CDs
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 74

Das laufende Jahr ist auch ein Gün­ter-Wand-Jahr, ein dop­peltes sog­ar (1912–2002). In sein­er Spätzeit wirk­te der Diri­gent, leicht gebeugt gehend, manch­mal fast etwas zer­brech­lich, doch selb­st aus­gedehnte Werke wie die mit ihm nachger­ade iden­ti­fizierten Bruck­n­er-Sin­fonien leit­ete er in fes­tem Stand. Diese Jahre, welche sich beson­ders mit der Chefzeit beim NDR Sin­fonieorch­ester (1982–1991) deck­en, bilden in Gün­ter Wands Kar­riere einen inter­na­tionalen Höhen­flug, der eigentlich nicht mehr erwartet wurde, erwartet wer­den kon­nte. Den größten Teil seines kün­st­lerischen Lebens hat­te er ja in Köln ver­bracht, von 1939 bis 1945 vor allem an der Oper, nach dem Krieg fast exk­lu­siv im Konz­ert­bere­ich (bis 1974). Hier wie dort stand ihm das Gürzenich-Orch­ester zur Ver­fü­gung, mit dem er erste Plat­te­nauf­nah­men für den „Club français du disque“ machte. Diese Ein­spielun­gen wur­den vor eini­gen Jahren wieder­aufgelegt und sind weit­er­hin im Ange­bot. Manche von Wands Reper­toire-Vor­lieben (Haydn, Mozart, Beethoven) sind schon hier erkennbar. Doch sollte darüber nicht vergessen wer­den, dass der Diri­gent sich im öffentlichen Konzertleben auch stark für zeit­genös­sis­ches Schaf­fen ein­set­zte, dem Pub­likum Inter­esse dafür regel­recht abtrotzte. Auch in sein­er NDR-Zeit stand Mod­ernes immer wieder auf dem Pro­gramm; Pars pro Toto: die Zwis­chen­spiele aus Wolf­gang Fort­ners Oper Bluthochzeit, deren Pre­miere Wand 1957 an der wieder­eröffneten Köl­ner Oper geleit­et hat­te.
In ein­er neuen CD-Edi­tion lässt sich bei zwei aus­gedehn­ten Proben zu Beethoven-Sin­fonien die fre­undlich insistierende, aber unnachgiebige Arbeitsweise von Wand („Komm, bitte noch ein­mal“) plas­tisch ver­fol­gen. Manch­mal fall­en die Worte „Ist doch schreck­lich“, dann aber auch: „Meine Liebe und Hochachtung für Sie…“. Gemeint ist dabei das Deutsche Sym­phonie-Orch­ester Berlin, welch­es Wand bei seinem ersten Konz­ert 1983 noch als Radio-Sym­phonie-Orch­ester Berlin ken­nen gel­ernt hat­te.
Er gab den Kon­takt dann aber auf, weil er keinen Konkur­ren­zneid durch das sich anbah­nende Engage­ment bei den Berlin­er Phil­har­monikern aufkom­men lassen wollte. Schon die fast iden­tis­chen Spielzeit­en der 5. und 6. Beethoven-Sin­fonie bei Auf­führun­gen von 1992 und 1994 zeigen, dass sich konzep­tionell bei Wand nichts änderte; allen­falls vari­iert das Klang­bild. Erstaunlich ist freilich die Verve, mit welch­er Wand die bei­den let­zten Tschaikowsky-Sin­fonien oder auch Mus­sorgskys Bilder ein­er Ausstel­lung ange­ht. Da ist von „Altersstil“ wahrlich nichts zu spüren. Ander­er­seits gibt es keine Übertrei­bun­gen oder Exal­ta­tio­nen. Die vor­liegende (zweite) Kas­sette mit DSO-Auf­nah­men (sie enthält weit­er­hin Haydn, Mozart, Bruck­n­er und Straw­in­sky) ergänzt bzw. bestätigt ver­gan­gene Urteile. Sie laufen in der Regel auf Demut vor dem Werk, aber auch Strenge bei dessen Gestal­tung hin­aus. Modis­ches oder gar Eit­elkeit war Wand fremd. Er ver­stand sich als Sach­wal­ter von Musik, die Par­ti­tur war für ihn unum­stößlich­es Gesetz.
Christoph Zimmermann