Große Klassik für kleine Hörer

Eine musikalische Reise für Kinder in zwölf Geschichten von Peter Stangel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony 88697740162/Die Zeit, 13 CDs
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 76

Es ist noch nicht so lange her, da meinte man, als man über Hochkul­tur sprach, unterge­gan­gene Kul­turen: die der Ägypter, Maya oder Azteken etwa. Die Kinder und Kinde­skinder der Gen­er­a­tio­nen, die das vielle­icht als let­zte so gel­ernt haben, sub­sum­ieren heute noch ganz andere Dinge unter Hochkul­tur. Vornehm­lich alles, was in Konz­ert- und Opern­häusern erklingt, gehört dazu. Nicht so sehr – bemerkenswert­er­weise –, was in Museen hängt und ste­ht und freilich schon gar nicht das, was Madon­na oder Lady Gaga pro­duzieren. Das ist schlicht „Kul­tur“.
Peter Stan­gel, Diri­gent und Erzäh­ler, Arrangeur und Tex­ter, ist in sein­er vier­fachen Per­son­alu­nion Men­tor, Haup­turhe­ber und -akteur der in der ZEIT-Edi­tion erschiene­nen CD-Box Große Klas­sik für kleine Hör­er. Bei seinen Konz­erten für Kinder, die er gemein­sam mit der von ihm gegrün­de­ten und auch für das CD-Pro­jekt verpflichteten taschen­phil­har­monie vornehm­lich in München gibt, hat er Sprache wie Maßstab seines jugendlichen Pub­likums offen­bar ganz verin­ner­licht, wenn er im Book­let – gle­ich­wohl mit mildern­den Anführungsze­ichen – über klas­sis­che Musik als „Hoch“-Kultur spricht. Möglicher­weise sind die zwölf CDs deshalb beson­ders sorgfältig in eine sta­bile Kar­ton­age ein­sortiert, die wie eine Schatztruhe längs­seit­ig aufzuk­lap­pen ist. Eben­so geschmack- wie liebevoll ist sie von jeman­dem, der sich hin­ter dem Namen [ec:ko] com­mu­ni­ca­tions ver­birgt, mit Fig­uren illus­tri­ert. Neben zahlre­ichen anderen tauchen sie auf den CD-Cov­ern wieder auf, von denen jedes mit einem anderen Bild illus­tri­ert ist, das selb­stre­dend Bezug auf die Musik der jew­eili­gen CD nimmt. Eine von ihnen heißt z.B. Ein ganz beson­der­er Son­ntagabend und enthält Musik von Claude Debussy, eine andere bringt unter dem Titel Als Opa jung war Auss­chnitte aus Robert Schu­manns Kinder­szenen und Album für die Jugend zu Gehör, mit Leoš Janác?eks Auf verwach­sen­em Pfade beg­ibt man sich beim Hören ein­er weit­eren CD Auf Wan­der­schaft durch Mähren und selb­stver­ständlich darf auch Der Karneval der Tiere mit Musik von Camille Saint-Saëns und Der Zauber­lehrling von Paul Dukas nicht fehlen.
Stan­gels Strick­muster, die Musik­stücke in kleine Abschnitte zu zer­legen und sie in eine von ihm aus­gedachte Geschichte als musikalis­che Inseln passend einzu­bet­ten, ist zwar für alle CDs iden­tisch, doch schmälert das wed­er die Überzeu­gungskraft sein­er kreativ­en Leis­tung noch die Freude und den Genuss beim Hören dieser zwölf wun­der­bar gelun­genen Sym­biosen von Wort und Ton. In far­bigen Hand­lun­gen wer­den die Kinder nicht nur an die Musik, son­dern darüber hin­aus auch an aller­lei all­ge­meines Weltwissen herange­führt. Die mit einem guten Dutzend Musik­er beset­zte taschen­phil­har­monie spielt zudem die Werke so frisch und klar, dass ohne Mühe jede Stimme her­auszuhören ist und auf diese Weise dem jun­gen Hör­er ganz neben­bei noch die Instru­mente des Orch­esters präsen­tiert wer­den. Auf ein­er Bonus-CD stellt man sie zugle­ich noch ein­mal sep­a­rat und aus­führlich vor. Kinder von vier bis neun Jahren, die mit­tels dieser CDs wom­öglich erst­mals mit Klas­sik in Berührung kom­men, wer­den merken, dass diese Musik keineswegs eine längst ver­gan­gene Hochkul­tur ist, son­dern Glück und innere Bere­icherung bringt.
Ulrich Ruhnke