Agostino Poli

Gran Concerto

für drei Violoncelli und Orchester

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ortus
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 62

Die vor­liegende Note­naus­gabe des Grand Con­cer­to stellt eine einzi­gar­tige Neuent­deck­ung unter den Werken des würt­tem­ber­gis­chen Hof­musik­ers Agosti­no Poli (1739–1819) dar. Einzi­gar­tig nicht nur deshalb, da es sich dabei über­haupt um die erste Notenedi­tion eines sein­er Werke han­delt, son­dern auch auf­grund der außeror­dentlichen Beset­zung für drei Solo­cel­li.
Wie Her­aus­ge­ber Johannes Sturm nach­weist, war der aus Neapel stam­mende Poli bere­its seit 1775 Konz­ert­meis­ter an der Hohen Karlss­chule in Stuttgart und damit für den Unter­richt der dor­ti­gen Vio­lon­cel­lok­lasse ver­ant­wortlich. Dementsprechend wird die Entste­hung des Konz­erts zeitlich auf die Jahre zwis­chen 1774 und 1782, dem Antritts­jahr Polis als Hofkapellmeis­ter, geschätzt.
Eben­so kon­nte der Her­aus­ge­ber durch detail­lierte Quel­lenar­beit die Solo­cel­lis­ten näher bes­tim­men, für die das Tripelkonz­ert zunächst intendiert war. Neben den bei­den Cel­lis­ten Johann Kauff­mann (1759–1834) und Ernst Häus­sler (1761–1837) war es der später als Kom­pon­ist bekan­nt gewor­dene Johann Rudolph Zum­steeg (1760–1802), der eine der bei­den schwierigeren ersten Solostim­men über­nahm.
Dass das Tripelkonz­ert als Schülerkonz­ert konzip­iert wurde, zeigt sich im unter­schiedlichen Schwierigkeits­grad der Solostim­men. Während die ersten bei­den Solo­cel­li ähn­lich vir­tu­os kom­poniert wur­den, hält sich das dritte Solo­cel­lo abge­se­hen von eini­gen solis­tis­chen Ein­wür­fen als Bassstimme im Hin­ter­grund.
Den­noch erhal­ten die Solo­cel­li größt­mögliche Aufmerk­samkeit: Der Auf­bau des Konz­erts fol­gt zwar dem damals gängi­gen Prinzip des Wech­sels zwis­chen Solo- und Tut­ti-Abschnit­ten, wobei jedoch die groß beset­zten Tut­ti-Abschnitte (mit Stre­ich­ern, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Hörn­er und einem Fagott) äußerst kurz gehal­ten sind. Damit wird den solis­tis­chen Fähigkeit­en deut­lich mehr Raum zuge­s­tanden.
Ungewöhn­lich sind die aus­geschriebe­nen Kaden­zen in allen drei Sätzen, wobei eine Staffelung der Schwierigkeit vom ersten Solo­cel­lo hin zum drit­ten Solo­cel­lo zu beobacht­en ist. Inter­es­san­ter­weise nimmt auch das Fagott dabei eine tra­gende Rolle ein und kön­nte – stünde nicht der Zusatz „à Tre Vio­lon­cel­li“ im Manuskript – zu den Soloin­stru­menten gezählt wer­den.
Quel­len­fun­dort der Par­ti­tur ist die Würt­tem­ber­gis­che Lan­des­bib­lio­thek, welche das fehler­be­haftete und häu­fi­gen Kor­rek­turen unter­zo­gene Manuskript beherbergt. Umso mehr besticht die Edi­tion durch ein vorzüglich aus­gear­beit­etes Lesarten­verzeichnis, eine sauber aufgear­beit­ete Par­ti­tur sowie zwei Fak­sim­i­les des Manuskripts. Einziges Manko der Aus­gabe ist das Fehlen beiliegen­der Einzel­stim­men für eine spiel­prak­tis­che Aus­gabe. Diese kön­nten jedoch sich­er über den Ver­lag ange­fragt wer­den.
Da sich das klas­sis­che Reper­toire für Solo­cel­lo eher über­schaubar präsen­tiert, dürfte das Werk ger­ade durch die unter­schiedlichen Schwierigkeitsstufen der Solostim­men auch für Laien inter­es­sant sein. Im Zuge dieser gelun­genen Edi­tion kann mit hohen Erwartun­gen gehofft wer­den, dass bald auch Polis kam­mer­musikalis­che Werke in kri­tis­ch­er Edi­tion erscheinen.
Son­ja Erhardt