Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig (Hg.)/Birgit Heise (Red.)

Goldene Klänge im mystischen Grund

Musikinstrumente für Richard Wagner

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Koehler & Amelang, Leipzig 2013
erschienen in: das Orchester 11/2013 , Seite 66

Im schi­er unüber­schaubaren Strom der Veröf­fentlichun­gen zu Leben und Schaf­fen Richard Wag­n­ers, der im Jubiläum­s­jahr 2013 nochmals deut­lich anschwoll, ragt dieser schmale Band auf­fäl­lig her­vor. Doch nicht neue biografis­che Fak­ten und inhaltliche Deu­tun­gen sind dafür der Grund, son­dern die Art und Weise, in der die Spez­i­fik und die Raf­fi­nessen der Wagner’schen Orch­esterkun­st qua­si als Instru­mentenkunde und Orch­ester­führer präsen­tiert wer­den: eine Darstel­lung jen­er materiellen Grund­la­gen, denen sich das So-Sein der Klänge ver­dankt. Schließlich hat­te der Kom­pon­ist die Funk­tion des Orch­esters über­dacht, hat­te jedem sein­er Büh­nen­werke das eigene charak­ter­is­tis­che Klang-Gewand zugemessen; er griff dafür die tech­nis­chen Inno­va­tio­nen der besten Instru­menten­bauer der Zeit auf oder hat diesen mit Nach­druck seine Fan­tasien und Ideen zwecks Real­isierung über­mit­telt. „Es ist bei mir nicht die Sucht Effek­te her­vorzubrin­gen, son­dern
immer andere Instru­mente hinzutreten zu lassen, um mit den anderen abzuwech­seln; keine Vir­tu­osen­spiele.“
Richard Wag­n­er als Neuer­er, als Erfind­er, als Weg­bere­it­er des mod­er­nen Orch­esters – davon ver­mit­telt dieser „Gang“ durch viele Schätze und manche Kuriosität des Leipziger Musikin­stru­menten­mu­se­ums einen reich­halti­gen Ein­druck. Ange­ord­net nach den Grup­pen der Met­all- und Holzblasin­stru­mente, der Zupf- und Stre­ichin­stru­mente, der Schlag- und Effek­tin­stru­mente sowie nach Klavieren, Har­mo­ni­um, Orgel, Drehorgel und Spiel­d­ose wer­den sämtliche Klangerzeuger vorgestellt, die den Werken entwed­er Farb­tupfer ein­fü­gen oder ihre Gesamt­stim­mung kolo­ri­eren. Hund­ings Stier­horn und die Tris­tan­schalmei, die Beckmesser­laute und die Min­nesänger­harfe, die Alto­boe und das Grals­glock­en­klavier sind da eher „Solis­ten“, indessen Wag­n­er­tuben, Lohen­grin­trompe­ten und die Rhein­goldam­bosse im kom­plex­en Satz den Klang­grund der Stücke schaf­fen. Viele Abbil­dun­gen, zweis­prachige Beschrei­bun­gen, Zitate und Noten­beispiele geben hierzu Auskün­fte.
Auch den Instru­menten­bauern, denen Wag­n­er Anre­gun­gen oder die Erfül­lung sein­er Wün­sche ver­dankt und die mitunter noch heute kun­st­fer­tig am Werke sind, wird anerken­nende Aufmerk­samkeit zuteil: die Gebr. Alexan­der, in deren Mainz­er Werk­statt Wag­n­er exper­i­men­tierte und die ab 1890 die Bayreuther Fest­spiele mit Wag­n­er­tuben beliefer­ten, die Fir­ma Heck­el in Biebrich, der Paris­er Adolphe Sax und das Bayreuther Unternehmen von Johann Simon Sten­gel.
Und dann erfahren noch die Klavier­bauer, deren Instru­mente – Lei­h­gaben oder Ehrengeschenke, raten­weise abgestot­tert oder schuldenge­plagt verkauft – im aben­teuer­lichen Leben des Kün­stlers eine Rolle spiel­ten, ihre Würdi­gung: Bre­itkopf & Här­tel, Érard, Bech­stein, Stein­way, Ste­in­grae­ber und Ibach.
Der Leser erhält so den faszinieren­den Anblick von jen­em Instru­men­tar­i­um, mit dem Wag­n­er in der akustis­chen „Wun­derkam­mer“, wie Chris­t­ian Thiele­mann den Bayreuther Orch­ester­graben nen­nt, die Pracht und den Zauber sein­er Klänge schließlich voll und ganz zur Blüte brin­gen kon­nte.
Eber­hard Kneipel