Wagner, Richard

Götterdämmerung

4 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 938
erschienen in: das Orchester 02/2013 , Seite 66

Sel­ten hat der runde Geburt­stag eines Kom­pon­is­ten im Vor­feld für so viel Aufmerk­samkeit gesorgt. Erst am 22. Mai 2013 würde Richard Wag­n­er 200 Jahre alt wer­den. Und schon viele Monate zuvor ent­standen an vie­len Opern­häusern wie in München, Berlin, Straßburg, Freiburg, Ham­burg und Frank­furt am Main neue Pro­duk­tio­nen seines Ring des Nibelun­gen. Der Ham­burg­er und der Frank­furter Ring sind inzwis­chen sog­ar kom­plett auf CD veröf­fentlicht. Dass bei­de beim gle­ichen Label Oehms Clas­sics erschienen sind und sich somit gegen­seit­ig Konkur­renz machen, ent­behrt dabei nicht ein­er gewis­sen Skur­ril­ität. Voraus­sichtlich im April 2013 wird Oehms den kom­plet­ten Frank­furter Ring als DVD-Box her­aus­brin­gen, und etwas später auch als Audio-Box, wie zulet­zt im Novem­ber 2012 schon den kom­plet­ten Ham­burg­er Ring.
Der Livemitschnitt der Frank­furter Göt­ter­däm­merung ist vor allem wegen des großar­ti­gen Frank­furter Opern- und Muse­um­sor­ch­esters unter seinem Gen­eral­musikdi­rek­tor Sebas­t­ian Wei­gle ein echt­es Hör­erleb­nis. Beein­druck­end, wie Wei­gle mit seinem großar­ti­gen Orch­ester die Erre­gungskur­ven in Siegfrieds Trauer­marsch auss­chla­gen lässt, um sie dann ganz behut­sam wieder zurück­zunehmen. Pack­ender und gle­ichzeit­ig berühren­der kann diese Musik kaum inter­pretiert wer­den. Ins­ge­samt hat der Diri­gent ein sehr gutes Gespür für das richtige Tim­ing. Pausen wer­den als Teil der Kom­po­si­tion gese­hen, den Nachk­län­gen wird wie beim im schön­sten Lega­to musizierten Vor­spiel genü­gend Raum gegeben. Der Erzählstrom reißt nie ab. Wei­gle schafft plas­tis­che Klang­bilder wie vor dem ersten Aufeinan­dertr­e­f­fen von Brünnhilde und Siegfried, bei dem die Stre­ich­er für diesen Son­nenauf­gang ganz allmäh­lich die Hel­ligkeit erhöhen. Vor allem aber achtet er auf rhyth­mis­che Präzi­sion, was die drama­tis­che Wucht nicht nur in der großen Dialogszene zwis­chen Alberich und Hagen im 2. Akt erhöht.
Den Sängern lässt Wei­gle dage­gen viele Frei­heit­en. Die Rhein­töchter (ver­führerisch: Brit­ta Stallmeister/Woglinde, Jen­ny Carlstedt/Wellgunde, Katha­ri­na Magiera/Flosshilde) kön­nen ihre Lin­ien beim Wer­ben um Siegfried aussin­gen. Auch die Nor­nen­szene (Mered­ith Arwady, Clau­dia Mahnke, Angel Blue) gelingt in einem ganz natür­lichen Fluss. Lei­der ist das Solis­te­nensem­ble nicht homogen beset­zt. Susan Bul­lock ver­fügt als Brünnhilde zwar über genü­gend Strahlkraft für diese Par­tie, über­s­teuert ihren Sopran aber bei den extro­vertierten Pas­sagen. Lance Ryan kann als Siegfried kaum überzeu­gen – zu eng und gele­gentlich meck­rig klingt sein Tenor, zu brüchig ist seine Phrasierung. Die Spitzen­töne wirken gepresst. Zumin­d­est into­na­torisch bewegt sich der Kanadier sich­er durch die Par­tie. Johannes Mar­tin Krän­zle ist ein vielschichter Gun­ther, bei dem man jedes Wort ver­ste­ht, Gre­go­ry Frank gibt Hagen als echt­en Bösewicht mit großer krim­ineller Energie. Auch Jochen Schmeck­en­bech­er (Alberich), Clau­dia Mahnke (Wal­traute) und Anja Fidelia Ulrich (Gutrune) entwer­fen klare Rol­len­pro­file. Und sor­gen dafür, dass in dieser Göt­ter­däm­merung auch viele vokale Glanzpunk­te zu erleben sind, zumal auch der Chor/Extrachor der Frank­furter Oper seinem guten Ruf alle Ehre macht.
Georg Rudiger