Kienzle, Ulrike

Giuseppe Sinopoli

Komponist – Dirigent – Archäologe. Band 1: Lebenswege, Band 2: Porträts

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann, Würzburg 2011
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 59

Verdis „Aida“ sollte seine Schick­sals-Oper wer­den. Giuseppe Sinop­o­li dirigierte sie erst­mals am Anfang sein­er Kar­riere, 1976 in Venedig. Dort wurde er am 2. Novem­ber 1946 geboren. Während ein­er Vorstel­lung von Verdis Aida in der Deutschen Oper Berlin ist Sinop­o­li am 20. April 2001 tot zusam­menge­brochen. Ver­di gehörte Sinop­o­lis beson­dere Aufmerk­samkeit. Mit Ver­di hat er in Lon­don, Ham­burg und Berlin Furore gemacht und ist ein Star gewor­den. In Dres­den hat er als Chefdiri­gent der Säch­sis­chen Staatskapelle, die ihn über­aus liebte, seine Kar­riere been­det. Neun Jahre lang hat er dort immer wieder die musikalis­chen Sterne vom Him­mel geholt.
„Men­schlich-musikalis­che Höhen­flüge“ über­schreibt denn auch Ulrike Kien­zle dieses let­zte Leben­skapi­tel Sinop­o­lis, jenes Ital­ieners, der sich so wenig ital­ienisch fühlte. Die Autorin stellt in ihrer mon­u­men­tal­en Biografie Sinop­o­lis kom­pos­i­torische Nähe zu den Darm­städter Ferienkursen für Neue Musik, seine Kind­heit in Venedig und Messi­na, seine Stu­di­en­jahre in Venedig und Wien (bei Hans Swarows­ki), seine Kar­ri­er­esta­tio­nen Lon­don, Ham­burg, Berlin und Dres­den, aber auch seine pro­fes­sionelle Lei­den­schaft für die Archäolo­gie dar, die seine Nei­gung zur Medi­zin und zur Musik ergänzt. In allen drei Diszi­plinen ging es Sinop­o­li ums „Men­schen aus­graben“. Sein Musizieren, so macht Kien­zle deut­lich, war alles andere als impul­siv. Er war nicht der typ­is­che, „feurige“ Ital­iener, eher ein grüb­lerisch­er Inter­pret. Deut­lichkeit bis zur Überdeut­lichkeit, ana­lytis­che Schärfe, bohrende Reflek­tiertheit und oft extreme Tem­pi waren das Kennze­ichen sein­er musikalis­chen Deu­tun­gen. Im geplanten drit­ten Band dieser Mono­grafie wird Ulrike Kien­zle darauf wohl einge­hen.
Man erfährt aber auch, was Sinop­o­li schon in sein­er Jugend auf dem Rial­to-Markt in Venedig einzukaufen pflegte, wie er in Berlin kochte, welche antiken Masken und Vasen er in seinem spek­takulären Haus auf Lipari sam­melte und unter welchen genauen Umstän­den er vor zehn Jahren am Pult der Deutschen Oper Berlin zu Tode kam. Sog­ar seine pos­tume Pro­movierung zum Dok­tor der Archäolo­gie wird genauestens beschrieben.
An Gründlichkeit ist diese Sinop­o­li-Biografie wohl kaum zu über­bi­eten. „Ret­tung durch Erin­nerung“ nen­nt Kien­zle ihre Meth­ode. Sie hat alles über Sinop­o­li gele­sen, hat viele Zeitzeu­gen über Sinop­o­li aus­ge­fragt und sie lässt Sinop­o­li selb­st möglichst oft zu Wort kom­men. Sie zitiert aus seinen Schriften, Inter­views, Rund­funksendun­gen und Fil­men. Ihr Buch ist der Ver­such, aus ver­streuten Zeug­nis­sen ein Diri­gen­ten­leben akribisch genau nachzuerzählen, so wie Sinop­o­li als Archäologe aus Trüm­mern, Resten und Ruinen Gewe­senes rekon­stru­ierte. Eine Respekt ein­flößende Arbeit. Der sep­a­rat beige­fügte Foto­band zeigt den Diri­gen­ten in all seinen
Lebenssta­tio­nen, darunter sind manche nie gese­henen pri­vat­en Fotos. Ein unverzicht­bares, ein konkur­ren­zlos­es – und angenehm les­bares – Buch für alle Sinop­o­li-Verehrer.
Dieter David Scholz