Giuseppe Sinopoli and the Dresden Staatskapelle

The Two Eyes of Horus & Dreampaths of Music. Werke von Schönberg, Strauss, Schumann, Wagner und Beethoven

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: ArtHaus 100 502
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 89

Giuseppe Sinop­o­li und Ägypten – kaum ein Gebi­et faszinierte den ital­ienis­chen Diri­gen­ten und lei­den­schaftlichen Archäolo­gen mehr. Für Sinop­o­li bedeutete das alte Ägypten einen Gege­nen­twurf zur ratio­nal­is­tis­chen griechis­chen Kul­tur, auf der unsere west­liche Tra­di­tion fußt. Und so wun­dert es nicht, dass es den langjähri­gen Chef der Staatskapelle Dres­den zu deren 450. Jubiläum an den Nil zog. Dort ent­standen 1998 die auf dieser DVD ver­sam­melten bei­den englis­chsprachi­gen Filme, damals für den Fernsehsender ARTE. Ironie des Schick­sals: Sinop­o­li nahm seine Ägyptensehn­sucht mit ins Grab: Im April 2001 erlitt er während ein­er Auf­führung von Verdis Aida an der Deutschen Oper Berlin einen tödlichen Herz­in­farkt.
Rück­blick­end erhal­ten die bei­den einein­halb­stündi­gen Filme The Two Eyes of Horus und Dream­paths of Music einen doku­men­tarischen Charak­ter. Sie sind ganz auf den Star Sinop­o­li zugeschnit­ten. Die Staatskapelle Dres­den, deren Jubiläum der Anlass für die Filme war, bleibt ganz im Hin­ter­grund. Hinge­gen rückt Sinop­o­li in den Vorder­grund. Seine Per­son wird ger­adezu insze­niert, denn der von Bar­rie Gavin gedrehte erste Film The Two Eyes of Horus schildert zunächst den nach­den­klichen, ein­sam durch die Ruinen des Tem­pels von Ram­ses III. in Medinet Habu spazieren­den Sinop­o­li. Die Kam­era fängt Stat­uen, Hiero­glyphen und Pyra­mi­den ein­drucksvoll ein. Ein Sprech­er verkün­det dazu tief­sin­nige Gedanken Sinop­o­lis und erzählt von dessen uner­müdlichem Forscher­drang nach dem Sinn unseres Lebens. Dann dirigiert er, von Natur­bildern, Wellen­spiel und Tem­pelan­sicht­en unter­malt, Arnold Schön­bergs Verk­lärte Nacht und Richard Strauss’ Meta­mor­pho­sen. Sinop­o­li will mit sein­er Auf­führung an diesem his­torischen Ort zwei Wel­ten miteinan­der verbinden. Filmisch gelin­gen schöne Momente, doch nicht immer glückt die Verbindung von Musik und Bild. Vieles wirkt gewollt, wie auch die gesamte intellek­tuelle Über­frach­tung ins­ge­samt zu auf­dringlich ist.
Enthält der erste Film immer­hin faszinierende Ein­blicke in die ägyp­tis­chen Sehenswürdigkeit­en, ent­täuscht der zweite Dream­paths of Music umso mehr. Nach roman­tis­chen Rhein­bildern erklingt Robert Schu­manns „Rheinis­che“ inmit­ten eines kitschi­gen Prospek­ts des Köl­ner Doms. Die filmtech­nis­che Real­i­sa­tion wirkt eben­so arm­selig im Par­si­fal-Vor­spiel und in Beethovens Sym­phonie Nr. 7. Kitschiges Plan­eten­leucht­en und unsägliche Farb­muster machen die von Pat und Bar­rie Gavin besorgte visuelle Ebene zu einem frag­würdi­gen Bei­w­erk. Was bleibt, ist die wun­der­bare Leichtigkeit, Bril­lanz und Trans­parenz, mit der die Dres­d­ner Staatskapelle musiziert. Sie hätte die Haupt­pro­tag­o­nistin dieser DVD sein kön­nen, wurde jedoch zugun­sten ein­er Selb­st­darstel­lung Sinop­o­lis und ein­er filmisch zweifel­haften Umset­zung ganz in den Hin­ter­grund gedrängt.
Matthias Corvin