Riethmüller, Albrecht (Hg.)

Geschichte der Musik im 20. Jahrhundert: 1925–1945

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2006
erschienen in: das Orchester 10/2006 , Seite 88

Die Zeit­en sind lange vor­bei, wo sich die Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts zwis­chen Fortschritt und Regres­sion, vertreten durch die Namen Arnold Schön­berg und Igor Straw­in­sky, abzus­pie­len schien. Theodor W. Adorno legte in sein­er 1949 erschiene­nen Philoso­phie der Neuen Musik diese erste Diag­nose des musikalis­chen Zus­tands der zurück­liegen­den Dezen­nien vor, die mit der rigi­den Verteilung der Prädikate „gut“ und „schlecht“ Fol­gen für den Gang des avant­gardis­tis­chen Diskurs­es der kom­menden Jahre hat­te.
Jet­zt, gut ein halbes Jahrhun­dert später, ist der Zeitraum zwis­chen 1920 und 1945 erneut sondiert wor­den: von Albrecht Rieth­müller und Mitar­beit­ern des musik­wis­senschaftlichen Sem­i­nars der Freien Uni­ver­sität Berlin. Adornos binäres Deu­tungsmuster ist ein­er mul­ti­per­spek­tivis­chen Betra­ch­tung gewichen, bei welch­er Schön­berg und Straw­in­sky natür­lich in dem einen oder anderen der neun Kapi­tel eine Rolle spie­len. Aber das viel­stim­mige Konz­ert aus Film‑, Radio- und Tanz­musik, aus folk­loris­tis­chen, poli­tis­chen oder bruitis­tis­chen Klang­prozessen ist von den Berlin­er Musikolo­gen so weit aufge­dröselt wor­den, dass die großen Namen eher als Solitäre zwis­chen anderen musikalis­chen Gel­tungssphären erscheinen.
Charak­ter­is­tisch für die Veröf­fentlichung ist der Blick weit über die deutsch-öster­re­ichis­che Per­spek­tive hin­aus auf sämtliche Län­der des europäis­chen und amerikanis­chen Kon­ti­nents. Ein hor­i­zontab­schre­i­t­en­des Vor­legen der unter­schiedlichen musikalis­chen Tatbestände ist das Darstel­lungsziel und das Lob eines prä-dik­ta­to­ri­alen Stilplu­ral­is­mus die musik­wis­senschaftliche Erken­nt­nis.
Während die Inno­va­tio­nen musikalis­ch­er Tech­niken (Dodeka­fonie, Neo-Klas­sizis­mus, Synkretismus) und repro­duk­tiv­er Medi­en (Film, Schallplat­te, elek­trische Spielin­stru­mente, Radio) in vie­len mono­grafis­chen Arbeit­en bere­its gut aufgear­beit­et vor­liegen, stellen die bei­den von Friedrich Geiger ver­fassten Kapi­tel über die Musik im faschis­tis­chen Ital­ien, im nation­al­sozial­is­tis­chen Deutsch­land und in der stal­in­is­tis­chen UdSSR gewichtige Beiträge dar. Gut exponiert wird das verblendende Nicht-Ver­hält­nis von ide­al­is­tis­chem Kun­stanspruch und tech­nokratis­ch­er Massen­ver­nich­tung. Das inno­v­a­tive Poten­zial der pop­ulis­tis­chen Medi­enkon­glom­er­ate in der ersten deutschen Event- und Kon­sumdik­tatur bleibt allerd­ings unberück­sichtigt.
Zwis­chen die Überblick geben­den, the­ma­tisch begrün­de­ten Kapi­tel sind drei Blöcke mit ins­ge­samt 25 Werkbeschrei­bun­gen eingeschoben, die von Schön­berg und Orff bis Gersh­win und Brit­ten ein bre­ites Spek­trum der notierten Musik dieses Zeitraums abdeck­en. Der Her­aus­ge­ber gibt mit ein­er aus­führlichen Ein­leitung und einem „Ausklang: Die ‚Stunde Null‘ als musikgeschichtliche Größe“ einen etwas ver­schwomme­nen Rah­men und set­zt diesem Hand­buch der Musik des 20. Jahrhun­derts einige predi­ger­hafte Ober­lichter auf.
Bern­hard Uske