Schurig, Wolfram

Gesänge von der Peripherie

für Mezzosopran (Sopran), Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Viola und Violoncello, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Gravis, Brühl 2014
erschienen in: das Orchester 10/2014 , Seite 69

Haben Sie schon ein­mal bewusst und mit Genuss an einem klir­rend kalten Tag die klare Luft geat­met, die scheren­schnittsauber kon­turi­erten Rau­reifkunst­werke an einem sich gegen den blauen, ach so blauen Him­mel abheben­den, ein­samen Baum auf einem Hügel bewun­dert? Haben Sie schon ein­mal in einem dun­klen Wald gegen die küh­le, von hin­ten auf­steigende Furcht ange­sun­gen, angep­fif­f­en? Haben Sie schon ein­mal über­legt, wie diese Bilder und Gefüh­le klin­gen kön­nten?!
Wol­fram Schurigs Nr. 3 sein­er Gesänge von der Periph­erie ist über­titelt mit „abrupt kalte psy­che“ – vielle­icht charak­ter­isiert dies seine beein­druck­end dichte, skalpel­lar­tig scharf Klang­far­ben oszil­lierende Kom­po­si­tion am ehesten, die in Minia­turen auf der Basis von Tex­ten von Daniela Danz zu eige­nen Kos­men wird. Schurig ver­langt von allen Beteiligten höch­ste Vir­tu­osität und Flex­i­bil­ität; in sein­er tra­di­tionell notierten Par­ti­tur kom­men ver­schiedene, in der zeit­genös­sis­chen Musik über­wiegend etablierte Spiel­tech­niken zum Ein­satz, die vorne („Zeich­en­erk­lärung“) kurz und klar erläutert wer­den (so z.B. Klap­pen­per­cus­sion, Fin­ger­per­cus­sion, Luft­beimen­gun­gen etc.). Eher ungewöhn­lich wer­den sich allerd­ings die Stre­ich­er par­tiell mit einem arti­fiziellen Tab­u­latur­spiel auseinan­der­set­zen müssen, das aus­führlich dargelegt und durch Beispiele ver­an­schaulicht wird. Hier ist der Tex­tüber­gang von Seite 3 zu Seite 4 gedop­pelt, was bei ein­er Neuau­flage der Aus­gabe berück­sichtigt und eben­so kor­rigiert wer­den kann wie der syn­tak­tisch unglück­lich for­mulierte Ver­weis auf die Dreiviertel­ton-Skala im vor­let­zten Absatz und die Tippfehler in den Tex­ten auf den Seit­en 4 und 12. Der guten Ord­nung hal­ber sollte dann auch Daniela Danz in der Stu­di­en­par­ti­tur Erwäh­nung find­en.
Eine der musikalis­chen Keimzellen der faszinieren­den Klang­welt dieser Gesänge ist die  Schwingungsüber­lagerung als Resul­tat der Schich­tung klein­er oder großer Sekun­den, die teil­weise in enger, nur durch die ver­schiede­nen Klang­far­ben der einge­set­zten Instru­mente getren­nt erscheinen­den, teil­weise in weitest­möglich­er Lage geführt wer­den und ener­getis­ches Span­nungspoten­zial als dom­i­nantes Entwick­lungsmo­ment gener­ieren. Durch die fein aus­geloteten Kon­trast­möglichkeit­en und  Instru­mentenkom­bi­na­tio­nen nimmt man die Inter­vall­struk­tur allerd­ings eher als Farb­wirkung wahr, das Flim­mern als mal lyrische, mal drama­tis­che Klangäußerung im Zusam­men­hang mit der Tiefen­struk­tur des eigentlich auf den ersten Blick eher unschuldig wirk­enden Textes, dessen Abgründe sich durch die Ver­schmelzung und Trans­for­ma­tion der Musik offen­baren.
Wol­fram Schurigs sieben Mikrokos­men stellen für Spezial­is­ten zeit­genös­sis­ch­er Musik ein hochin­ter­es­santes neues Reper­toirestück für Konz­erte der kam­mer­musikalis­chen Extrak­lasse dar, das seinen Platz auf den Büh­nen und Podi­en sich­er behaupten wird. Stilis­tisch bewegt sich der Vorarl­berg­er Kom­pon­ist so eigen­ständig, dass er im abso­lut-musikalis­chen Gedanken eine indi­vidu­elle Ästhetik aus­ge­hend von der Werk­ba­sis entwick­elt. Dies macht sein Werk noch inter­es­san­ter und überzeu­gend auch für die Rezep­tion durch ein größeres, nicht nur spezial­isiertes Pub­likum.
Christi­na Humen­berg­er