Ulrich Tadday (Hg.)

George Enescu

Musik-Konzepte 211

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: edition text + kritik, München
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 71

In den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts initiierten Igor Strawinsky, Béla Bartók, Leoš Janáček und nicht zuletzt George Enescu eine Bewegung, die dann verschiedene avantgardistische Entwicklungen inspirierte. Ausgangspunkt war die Erforschung von Volksmusiktraditionen Mittel- und Osteuropas, die zuvor kaum bekannt waren. Enescu, geboren 1881 in Rumänien und gestorben 1955 in Paris, war Komponist, Geiger, Pianist, Dirigent und Pädagoge. Sein Studium begann er bereits mit sieben Jahren, Komposition zuerst bei Robert Fuchs in Wien und später bei Jules Massenet und Gabriel Fauré in Paris – sein prominentester Kommilitone dort war Maurice Ravel. 1903 wurden in Bukarest die beiden Rumänischen Rhapsodien op. 11 uraufgeführt, seine bis heute mit Abstand populärsten Werke. 1914 leitete er die erste vollständige Aufführung der Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125 von Ludwig van Beethoven in Rumänien. Am 31. Dezember 1921 dirigierte er mit der Premiere der Oper Lohengrin von Richard Wagner die Eröffnung der Nationaloper Bukarest – sowohl das Orchester (schon vier Jahre zuvor) als auch die Operntruppe hatte er selbst gegründet. Ab 1927 unterrichtete Enescu seinen berühmtesten Geigenschüler Yehudi Menuhin.
Diese willkommene neue Monografie ist eine der ersten über Enescu in deutscher Sprache. In sechs gehaltvollen Beiträgen schlägt der schmale Sammelband einen Bogen von „Kompositorisches Katapult – George Enescus früher Weg vom Wunderkind zum Streichoktett op. 7“ von Adalbert Grote über „Labyrinthische und fraktale Thematik in den Symphonien von George Enescu“ von Dan Dediu und „Œdipe, le prédestiné … – Die eine Freiheit“ von Roberto Reale über Enescus einzige Oper, sein Opus summum, bis zu „Letzte Stationen auf dem Schaffensweg George Enescus – Konzertouvertüre (1948) und Kammersymphonie (1954)“ von Corneliu Dan Georgescu.
Am aufschlussreichsten erscheint aber gleich der erste Aufsatz „Eine Hin- und Rückreise vom ‚Nationalen‘ zum ‚Universellen‘ in George Enescus Chansons nach Clément Marot und der 3. Sonate für Klavier und Violine“. Darin grenzt Valentina Sandu-Dediu den „überwundenen“ Ansatz der alten rumänischen Musikwissenschaft (die „von nationalistischer Ideologie geprägt der kommunistischen Doktrin entsprach“) von dem der neueren Enescu-Forschung ab. Seine „Folklore“ ist demnach nicht zitiert, sondern individuell imaginiert.
Ingo Hoddick

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