Michael Wolfssohn
Genie und Gewissen
Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus
Das „Wunder Karajan“ wurde vor allem von der NSDAP-treuen Presse erfunden und setzte sich als beispiellose Karriere auch nach 1945 fort. Karajan wurde zu einem der künstlerisch herausragenden, mit mehr als 300 Millionen zu Lebzeiten verkauften Tonträgern der kommerziell erfolgreichste Dirigent aller Zeiten.
An (kontroverser) Karajan-Literatur ist indes kein Mangel. Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn widmet sein jüngstes Buch (eine akribische Quellen-, Recherche- und Bibliotheks-Arbeit) der brisanten Frage: War Karajan, der 1935 in die NSDAP eintrat, und dessen Karriere während der NS-Zeit erheblichen Aufschwung bekam, ein Nazi? Das Buch entstand übrigens auf Initiative der beiden Karajan-Töchter, die Genaues darüber wissen wollten, wie sehr ihr Vater in die NS-Maschinerie verstrickt war. Das Buch dürfte sie beruhigen, denn Wolfssohn unterscheidet zwischen „Formalnazi“ und „Gesinnungsnazi“. Karajan sei kein glühender Nazi gewesen, so Wolfssohn: „Ein Formalnazi ja. Aber entscheidend ist die Frage: War Karajan auch ein Gesinnungsnazi? Die Deutschen strömten ab März 1933 aus Opportunismus in die NSDAP. Karajan war Österreicher und hätte das nicht tun müssen. Aber er war seit 1929 berufstätig in Deutschland – und zwar als Kapellmeister in Ulm.“ Wie der Autor auch in einem Interview erklärte: „Er ist nur einmal in die NSDAP eingetreten. Und zwar im Frühjahr 1935. Der Parteieintritt war zwingende Voraussetzung für den Posten des Generalmusikdirektors am Aachener Stadttheater.“
Karajan habe vom Naziregime, so Wolfssohn, trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft kaum profitieren können, zumal Hitler Karajan nicht mochte. Andere Autor:innen sehen das ganz anders. Das Buch ist eine exemplarische Untersuchung über die Handlungsspielräume eines Künstlers in einem autokratischen System zwischen „Genie und Gewissen“.
Wolfssohn klammert natürlich das Thema Antisemitismus nicht aus. Dem jungen Karajan bescheinigt er lediglich einen zwar diskriminatorischen, aber nicht liquidatorischen, sondern harmlosen „Feld-Wald-und-Wiesen-Antisemitismus“. Auch hätten jüdische Musiker, mit denen Karajan nach 1945 zusammengearbeitet hatte, etwa Hellmut Stern und Michel Schwalbé, ihn selbst nach dessen Tod nie als Nazi bezeichnet.
Wolffsohns Arbeit zeichnet das Porträt eines Künstlers, der in einer Diktatur versuchte, sein Genie zu entfalten, dabei aber zwangsläufig zum Teil des Systems wurde. Immerhin gesteht der Autor ein, es gebe Hinweise darauf, dass der Dirigent in seinen letzten Lebensjahren mit dem früheren Wiener Kardinal Franz König über seine Schuld und Mitverantwortung für die Verbrechen des NS-Staates gesprochen habe.
Dieter David Scholz


