Kolbe, Corina

Gemeinsam etwas Großes angehen

Die Staatsoper Unter den Linden hat in Berlin-Lichtenberg erstmals ein Education-Projekt mit der Caritas organisiert. Gespräch mit dem künstlerischen Produktionsleiter Rainer O. Brinkmann

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 10/2010 , Seite 43
Rainer O. Brinkmann ist Leiter der "Jungen Oper", der Education-Abteilung der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Er ist ausgebildeter Musik- und Theaterpädagoge, Schauspieler und Regisseur und lehrt an Hochschulen, Akademien und Lehrerfortbildungsinstituten im In- und Ausland. Rainer O. Brinkmann hat zur szenischen Interpretation von Musiktheater geforscht und veröffentlicht. Er gründete das Institut für Szenische Interpretation von Musik + Theater (ISIM). Darüber hinaus ist er Initiator zahlreicher Kinder- und Jugendoper-Projekte.

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Kinderopern­pro­jekt in Berlin-Licht­en­berg gekom­men?
Regi­na Lux-Hahn, die Region­allei­t­erin der Car­i­tas Berlin Süd-Ost, schlug mir vor, in dem Licht­en­berg­er Stadt­teil Frank­furter-Allee-Süd eine Oper mit Kindern und für Kinder aufzuführen. Inhaltlich war anfangs noch nichts genau definiert. Die Staat­sop­er Berlin hat bei „Sternzeit F:A:S“ zum ersten Mal mit einem Sozialver­band und ver­schiede­nen Stadt­teilor­gan­i­sa­tio­nen zusam­mengear­beit­et. Mich reizte daran beson­ders, gemein­sam etwas Großes anzuge­hen, für das wir mehr Zeit haben wür­den als für unsere üblichen Schul­pro­jek­te. Die logis­tis­chen Her­aus­forderun­gen waren allerd­ings erhe­blich: Wir mussten zwis­chen ver­schiede­nen Probenorten pen­deln, zwei ver­schiedene Büh­nen ein­richt­en und für die Betreu­ung ein­er großen Zahl von Kindern sor­gen.

Die Vor­bere­itun­gen haben ins­ge­samt 13 Monate gedauert. Mit­gemacht haben 120 Kinder aus zwei Grund­schulen des Stadt­teils. Was haben Sie bei den Proben beobachtet?
Ich muss zugeben, dass wir die Kinder zunächst unter­schätzt haben. Man kann mit ihnen viel weit­er kom­men, als man zunächst annimmt. Aus­ge­hend von Emmanuel Chabri­ers Opéra bouffe L’Étoile, die eben­falls im Mai an der Staat­sop­er unter Leitung von Sir Simon Rat­tle aufge­führt wurde, woll­ten wir ursprünglich fünf oder sechs kleinere Szenen entwick­eln, die mit dem All­t­ag und den Erfahrun­gen der Kinder in Zusam­men­hang ste­hen.
Wir stell­ten dann aber fest, dass die Schüler auch starkes Inter­esse an dem his­torischen Hin­ter­grund des Stück­es hat­ten. Sie woll­ten die Oper nach ihren Lese- und Hör­erleb­nis­sen lieber orig­i­nal­ge­treu umset­zen. Daraufhin haben wir unser erstes Konzept geän­dert. Da die Kinder und das Musikschu­lorch­ester eine unglaubliche Spiel­fähigkeit entwick­el­ten, kon­nten wir an vie­len Stellen viel mehr machen als geplant.
Das Ergeb­nis ist ein fast zweistündi­ges Stück, in das wir eigene Szenen und Musiknum­mern ein­gebracht haben. Solis­ten unseres Opern­stu­dios waren eben­falls an dem Pro­jekt beteiligt und san­gen auf der Bühne gemein­sam mit den Kindern.

War es für die Kinder schwierig, als Gruppe zusam­men­zufind­en?
Das war am Anfang tat­säch­lich ein größeres Prob­lem. Die Schüler ver­hiel­ten sich nicht leise, wenn andere sprachen, und lern­ten erst nach und nach, ein gemein­sames Inter­esse an einem The­ma zu entwick­eln. Wir haben mit ihnen bes­timmte Rit­uale eingeübt und auch fest­gelegt, wer welche Funk­tio­nen in der Gruppe übern­immt.

Bracht­en alle die nötige Diszi­plin für die Proben auf?
Wir mussten den Kindern zunächst klar­ma­chen, dass Kun­st nur durch ständi­ges Üben entste­hen kann. Das haben wir auf allen Ebe­nen prak­tiziert: bei der Bewe­gung, beim Sin­gen und beim Musizieren. Instru­men­tal­is­ten wis­sen am besten, dass man nur durch Üben und Wieder­holen weit­erkommt. Für die Kinder war das ein län­ger­er Lern­prozess. Erst als wir zu den End­proben kamen und Zuschauer im Pub­likum saßen, haben alle gemerkt, dass es ernst wurde. Man hat dann deut­lich gemerkt, dass sie mit größer­er Aufmerk­samkeit bei der Sache waren. Bei vie­len hat sich großer Ehrgeiz geregt. Mit der Konzen­tra­tions­fähigkeit gab es von vorn­here­in kaum Prob­leme. Die meis­ten waren auf den Punkt genau da, wenn ihr Ein­satz gefordert war.

Wie haben sich die Schüler der Gat­tung Oper genähert? War das für die meis­ten nicht eine völ­lig neue Erfahrung?
Die meis­ten Kinder waren vorher kaum mit klas­sis­ch­er Musik in Berührung gekom­men. Vor allem die hohen Gesangsstim­men in der Oper haben sie anfangs sehr irri­tiert. Als wir ihnen sagten, dass sie das auch aus­pro­bieren soll­ten, fin­gen sie laut an zu lachen. Das ist eigentlich eine natür­liche Reak­tion, denn Sin­gen ist etwas Kün­stlich­es, das in unserem All­t­ag eine geringe Rolle spielt. Wir haben dann einen kleinen Wet­tbe­werb ver­anstal­tet, in dem die Kinder testen kon­nten, wer am höch­sten sin­gen kann und warum ihnen das leichter fiel als Erwach­se­nen. Auf ein Cast­ing haben wir verzichtet, obwohl wir beim Unter­richt rasch fest­stell­ten, wer die Töne am besten traf. Da viele Kinder nicht nur im Chor sin­gen woll­ten, haben wir die Solo-Rollen in jedem der drei Akte neu beset­zt.

Wie reagierten die Kinder, die die Auf­führun­gen vom Pub­likum aus miter­lebten?
Mir war es sehr wichtig, dass wir ein Stück für Schüler und nicht für deren Eltern, Tan­ten und Onkel pro­duzierten. Oft wird etwas mit Kindern insze­niert, das Gle­ichal­trige über­haupt nicht anspricht. In die let­zte Vorstel­lung von „Sternzeit F:A:S“ kamen fast 500 Kinder, die alles konzen­tri­ert bis zum Schluss mitver­fol­gten. Sie mussten sich auf eine Musik und eine Hand­lung ein­lassen, die mit ihrem Leben auf den ersten Blick nur wenig zu tun hat­ten. Viele sagten hin­ter­her, dass sie das Stück gern noch ein­mal sehen wür­den. „Unseren“ Kinder war es außer­dem wichtig, für ein Pub­likum ihrer Alters­gruppe auf der Bühne zu ste­hen. Einige Eltern waren am Anfang zwar etwas skep­tisch, unter­stützten uns aber zunehmend, als sie merk­ten, dass ihre Kinder von dem Pro­jekt prof­i­tierten.

Kon­nten Sie über die kul­turelle Arbeit hin­aus auch einen neuen sozialen Zusam­men­halt zwis­chen den Kindern in dem Stadt­teil stiften?
Davon bin ich überzeugt. Die Kinder der einen Schule kom­men aus bil­dungs­bürg­er­lichen Fam­i­lien, die anderen eher aus bil­dungs­fer­nen Schicht­en. Sie waren zwar Nach­barn, hat­ten aber untere­inan­der keinen Kon­takt. Wir woll­ten eine stärkere Ver­mis­chung erre­ichen, was uns let­ztlich auch gelun­gen ist. Inzwis­chen verabre­den sich viele dieser Kinder nach der Schule, um gemein­sam etwas zu unternehmen.

Erwarten Sie, dass „Sternzeit F:A:S“ darüber hin­aus eine bre­ite nach­haltige Wirkung hat?
Ich hoffe sehr, dass dieses „Leucht­turm­pro­jekt“ auch auf anderen Ebe­nen fortwirken wird. Neben den bei­den Schulen waren auch Jugend- und Stadt­teilzen­tren sowie die katholis­che Kirchenge­meinde beteiligt. Unter­schiedliche Insti­tu­tio­nen und Organ­i­sa­tio­nen miteinan­der ins Spiel zu brin­gen, war für uns ein zen­traler Gedanke. Dass diese Zusam­me­nar­beit erfol­gre­ich war, zeigt sich daran, dass in dem Stadt­teil nun ein Kinderopern­haus entste­hen soll. Das bedeutet, dass die Kinder ihre kün­st­lerische Arbeit fort­set­zen kön­nen und noch weit­ere Teil­nehmer dazu kom­men.

www.musiktheaterpaedagogik.de