Benjamin Schweitzer

Geisterseher (Grand Scherzo)

für Violine und Klavier

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 1/2026 , Seite 71

Am 29. Juli 1817 brannte in Berlin das Königliche Nationaltheater während der Proben zu Schillers Die Räuber lichterloh ab. Der von König Friedrich Wilhelm III. in Auftrag gegebene und durch den Architekten Karl Friedrich Schinkel errichtete Nachfolgebau feierte seine feierliche Eröffnung am 26. Mai 1821. 2021, zum 200-jährigen Jubiläum dieses Neubaus, beauftragten die künstlerisch Verantwortlichen des heute als Konzerthaus Berlin bekannten Gebäudes den 1973 in Marburg geborenen Komponisten Benjamin Schweitzer mit einer Komposition für Violine und Klavier, die jetzt mit dem Titel Geisterseher (Grand Scherzo) in der Edition Schott veröffentlicht wurde.
Benjamin Schweitzer studierte Komposition, Musiktheorie und Dirigieren an der HfM Dresden, anschließend absolvierte er ein Meisterklassenstudium bei Paavo Heininen an der Sibelius-Akademie in Helsinki. Kompositionsaufträge erhielt Schweitzer unter anderem vom Siemens Arts Program, der Bayerischen Staatsoper und dem Deutschlandradio Berlin, seine Werke wurden in zahlreichen Konzerten in ganz Deutschland und im Ausland aufgeführt und gesendet.
Mit seiner Auftragsarbeit blickt Schweitzer zurück auf die Entstehungszeit des Konzerthauses und damit auf den Epochenübergang von der Klassik zur Romantik. Beethoven lebte noch, in Berlin wirkten u. a. Felix Mendelssohn und E.T.A. Hoffmann. In diese Atmosphäre, irgendwo zwischen die Skurrilitäten des späten Beethoven und die junge Romantik, platziert Schweitzer sein spinnenfingeriges Scherzo, das der Frage nachgeht, ob sich so etwas wie romantische Ironie in eine moderne Klangsprache übersetzen lässt. Um die Frage zu beantworten: Ja, das geht – und zwar sehr gut. Aber wie genau wird Musik geisterhaft? Flageolett, Flautando, abgedämpfte Saiten des Flügels, Pedalisierungsvarianten, Resonanzen stumm niedergedrückter Tasten und schattenhafte Repetitionen schaffen eine Klangwelt, die einerseits schnell vorbeihuschende Gestalten und andererseits ausgreifende Traumlandschaften evoziert. Die spielerische Virtuosität des Stücks mit ihren höchsten Anforderungen an die Interpreten trifft im musikalischen Inneren auf kontrapunktische Komplexität sowie detaillierteste Präzision in Gesten und Texturen, Zahlen und Figuren. Ausgetüftelt und wohlbalanciert, aber immer auf dem Sprung ins Unberechenbare – schöner kann ein von heute aus rück blickendes Werk kaum mit dem Übergang zwischen Klassik und Romantik umgehen.
Welche unseligen Geister es waren, die dafür sorgten, dass die ursprünglich für den April 2021 geplante Erstaufführung des Werks um mehr als ein Jahr verschoben werden musste? Es werden wohl coronare gewesen sein.
Stephan Froleyks

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