Imbsweiler, Marcus

Frontsignale

Komponieren in Zeiten des Krieges. Erzählungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Conte, Saarbrücken 2010
erschienen in: das Orchester 09/2011 , Seite 68

Wie reagieren Kom­pon­is­ten auf unmit­tel­baren Kon­takt mit Krieg, Gewalt und Unrecht? Und was ver­rat­en ihre Werke darüber? Dass Musik nicht allein im Elfen­bein­turm geschrieben wird, son­dern immer auch die Umstände reflek­tiert, unter denen sie entste­ht, ist eine Bin­sen­weisheit. Kaum weniger triv­ial ist auch die umgekehrte Ein­sicht, dass die Trennlin­ie zwis­chen Kun­st und Wirk­lichkeit mehr als unscharf ist: Die musikalis­che Wahrheit liegt irgend­wo in der Mitte zwis­chen „tönen­der Biografie“ und math­e­ma­tis­ch­er Struk­tur – und ger­ade weil sie eben nicht exakt zu definieren ist, erscheint der Ver­such ein­er lit­er­arischen Annäherung an das The­ma auch keineswegs abwegig. „Ist es nicht Priv­i­leg der Dich­tung, das Nich­tex­is­tente zu beschreiben?“, lässt der Hei­del­berg­er Autor und Musikredak­teur Mar­cus Imb­sweil­er einen sein­er Pro­tag­o­nis­ten fast pro­gram­ma­tisch fra­gen.
Tat­säch­lich ist dies in erster Lin­ie kein musikhis­torisches, son­dern ein lit­er­arisches Buch. Imb­sweil­er geht bei seinen vier Erzäh­lun­gen bewusst nur von biografis­chen Rand­no­ti­zen aus, die reich­lich Spiel­raum für Speku­la­tio­nen und Exkurse lassen: Eine polizeiliche Befra­gung Gus­tav Hol­sts zu seinem deutsch klin­gen­den Namen; Haydns Schick­sal während der franzö­sis­chen Besatzung; Schostakow­itschs Beitrag zu einem Nation­al­hym­nen-Wet­tbe­werb; ein Ver­hör Schu­berts nach der Ver­haf­tung seines Fre­un­des Johann Senn. Alle Fak­ten sind vorzüglich recher­chiert, aber es geht nicht um die erzäh­lerische Rekon­struk­tion dessen, was nicht über­liefert ist, son­dern um einen lit­er­arischen Diskurs über das Span­nungs­feld zwis­chen ästhetis­chem Denken und poli­tis­ch­er Real­ität.
Imb­sweil­er (der sowohl Musik­wis­senschaft studiert als auch Kle­in­stadt­satiren und Krim­is ver­fasst hat) ist dies auf einem erstaunlich hohen Niveau gelun­gen. Die Erzäh­lun­gen sind nicht nur fach­lich ver­siert, son­dern auch von bemerkenswert­er sprach­lich­er Qual­ität und for­maler Vielschichtigkeit. „Ende des Som­mers“ ist eine ger­adlin­ig erzählte Kurzgeschichte, in der der junge Kon­sta­bler Brown eine Ahnung davon bekommt, dass Musik nicht nur Zwecke erfüllen, son­dern auch Herzen bewe­gen kann. „Nel­son, Kruschke und ich“ verbindet über­raschend Momen­tauf­nah­men eines altern­den Genies mit dem bevorste­hen­den Unter­gang ein­er ganz anderen Epoche; „Schwim­men“ beschwört als Zer­rbild eines men­schen- und kun­stver­ach­t­en­den Sys­tems ein ganzes Pandä­mo­ni­um sur­real­er Fig­uren, Sit­u­a­tio­nen und Schau­plätze her­auf; und in der abschließen­den „Crim­i­nalgeschichte“ fungiert das imag­inäre Pro­tokoll der Vernehmung Schu­berts als Fix­punkt ein­er wie im Zeitraf­fer dahin­fliegen­den Chronolo­gie des Tirol­er Volk­sauf­s­tands, in der sich das poli­tis­che Kli­ma im Öster­re­ich Met­ter­nichs atmo­sphärisch außeror­dentlich dicht wider­spiegelt.
Dass es Imb­sweil­er inmit­ten dieser weit­gesteck­ten The­matik auch immer wieder schafft, konkrete musikalis­che Sachver­halte wie beiläu­fig einzus­treuen und in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, ist ein beson­der­er Clou des Buchs – nicht nur für Musik­er lesenswert.
Joachim Schwarz