Fremde Passagiere

Auf den Spuren von Viktor Ullmann

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Capriccio DVD 92 008
erschienen in: das Orchester 07-08/2004 , Seite 83

Das Schaf­fen und Schick­sal Vik­tor Ull­manns ist der Musikgeschichte des 20. Jahrhun­derts auf beson­dere Weise eingeprägt: 1898 als Sohn eines öster­re­ichisch-jüdis­chen Offizierse­hep­aars geboren, wurde Ull­mann nach dem Ersten Weltkrieg für acht Monate Kom­po­si­tion­ss­chüler Arnold Schön­bergs in Wien und ging 1921 als ange­hen­der Kapellmeis­ter nach Prag. Nach weit­eren diri­gen­tis­chen Sta­tio­nen betrieb er ab 1931 einen anthro­posophis­chen Buch­laden in Stuttgart, ehe ihn 1933 die Lage in Deutsch­land zwang, nach Prag zurück­zukehren. Dort wirk­te er als Musik­lehrer und Kri­tik­er, nahm aber auch noch ein­mal Kom­po­si­tion­sun­ter­richt – dies­mal beim Viertel­ton-Guru Alois Hába.
Im Sep­tem­ber 1942 wurde Ull­mann ins Konzen­tra­tionslager There­sien­stadt deportiert – in jene per­verse und doch für Kün­stler zeitweise (schein­bar) ent­las­tende Vorzeige-Insti­tu­tion des nation­al­sozial­is­tis­chen Ver­nich­tungssys­tems. Hier schrieb er mehr als zwanzig Werke, deren bekan­ntestes die Oper Der Kaiser von Atlantis ist. Sie, aber auch Ull­manns Kam­mer­musik, fan­den hierzu­lande erst wieder – oder erst­mals – Beach­tung, als sich musikalis­che Exil­forschung etablierte und das Inter­esse an den von Mord-Deutsch­land ver­drängten und ver­nichteten Kom­pon­is­ten erwachte. Ull­manns 2. Sym­phonie, die als Bonus-File der vor­liegen­den DVD eine präg­nante Wieder­gabe durch das Gürzenich-Orch­ester unter Leitung James Con­lons erfährt, ist die von Bern­hard Wulff nach einge­hen­den Instru­men­ta­tion­sangaben des Kom­pon­is­ten aus­gear­beit­ete Orch­ester­fas­sung der 7. Klavier­son­ate, die Ull­mann There­sien­städter Skizzen­buch nannte.
Den Haupt­teil der DVD bildet eine vom ORF pro­duzierte Ull­mann-Doku­men­ta­tion, die durch ein Inter­view mit dem Diri­gen­ten James Con­lon ergänzt wird. Sie wirkt zwar kundig und engagiert, lei­det jedoch darunter, dass sich Ull­manns Leben und das Beson­dere seines Schaf­fens mit den hier einge­set­zten Mit­teln nur begren­zt visu­al­isieren lässt (heutige Reise- und Natur­bilder, eine beschränk­te Zahl his­torisch­er Doku­mente, dage­gen rel­a­tiv umfan­gre­iche Infor­ma­tio­nen und Bilder zum tragis­chen Schick­sal von Ull­manns Kindern). So wirkt das Ergeb­nis let­ztlich etwas müh­sam aufgear­beit­et und nicht ganz aus­tari­ert. Vielle­icht wäre das The­ma doch eher etwas für eine reine Hör-Pro­duk­tion gewe­sen – mit aus­sagekräfti­gen Ull­mann Zitat­en und vor allem mit mehr Musikausschnitten.
 
Michael Struck