Widmann, Jörg

Freie Stücke

für Ensemble (oder Kammerorchester, 2002), Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2011
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 76

Der Klang als ele­mentares Phänomen, als Faszi­nosum eige­nen Rechts – seit Györ­gy Ligetis Atmo­sphères haben sich immer wieder Kom­pon­is­ten diesem Teil des musikalis­chen Kos­mos zuge­wandt, will man nicht schon im Es-Dur-Wogen des Wagner’schen Rhein­gold-Vor­spiels den Start­punkt dieser Entwick­lung erken­nen. In dieser Tra­di­tion­slin­ie ste­ht auch der Kom­pon­ist und Klar­inet­tist Jörg Wid­mann, dessen Denken eben­falls mehr um Klänge, weniger um Töne kreist. Einen mikroskopis­chen Blick in die Klang­wel­ten Wid­manns – wie wenn man an ein Bild näher her­antritt – erlaubt die Stu­di­en­par­ti­tur sein­er 2002 ent­stande­nen Freien Stücke für Ensem­ble oder Kam­merorch­ester, die jet­zt in der Rei­he „Musik unser­er Zeit“ im Schott-Ver­lag erschienen ist. Jedes der zehn Stücke kreist um ein klan­glich­es Phänomen, etwa Glis­san­di, Klang­bän­der, Obertöne oder Verdich­tung von punk­tuellen Ereignis­sen zu Klangflächen. Ein Blick auf die Beset­zungsliste zeigt, dass Wid­mann neben sechs Holz‑, drei Blech­bläsern und einem Stre­ichquin­tett ein dif­feren­ziertes Schlag­w­erk (für zwei Spiel­er) ver­wen­det, darunter eine Steel­drum, ein Water Gong, Pekingop­er-Gongs, chro­ma­tis­che Roto­toms, chi­ne­sis­che Beck­en oder zwei hohe brasil­ian­is­che Tam­burims. In der Ver­tikalen seien diese Stücke „für meine Ver­hält­nisse ger­adezu üppig aus­ge­fall­en“, bemerkt Wid­mann dazu. Erhel­len­des liefert dann der Blick in die Par­ti­tur, etwa die sub­til gear­beit­eten Glis­san­di-Poly­fonien (in Nr. 1 und 2) oder die kom­plexe Mikrostruk­tur, die der wilden, vor­wärts stür­menden Musik der Nr. 8 zugrunde liegt. Auf­schlussre­ich auch die bild­haften Spielan­weisun­gen Wid­manns wie etwa „Pfer­dewiehern“ für die Blech­bläs­er. Zu begrüßen ist in diesem Zusam­men­hang, dass alle Spielan­weisun­gen in einem Anhang ins Englis­che über­set­zt wer­den.
Neu erschienen ist auch die Dirigier­par­ti­tur der Irrfahrten des Odysseus von Dim­itri Terza­kis. Das 2010 ent­standene Werk, eine Art szenis­ch­er Kan­tate, wurde am 13. März 2011 in der Oper Chem­nitz uraufge­führt. Die Geschichte set­zt ein, als Odysseus auf Ratschluss der Göt­ter aus der Gefan­gen­schaft der Nymphe Kalyp­so ent­lassen wird (im 5. Gesang) und endet mit dem Tod der Freier (im 22. Gesang). Zu der kun­stvoll schlicht­en, fasslichen, an griechis­chen Modi ori­en­tierten Musik wur­den bei der Urauf­führung rund 150 Jahre alte Lat­er­na-Mag­i­ca-Pro­jek­tio­nen gezeigt, die vom His­torischen Muse­um Frank­furt zur Ver­fü­gung gestellt wur­den: die Aben­teuer des „Lis­ten­re­ichen“ nicht als The­ater, son­dern als Früh­form des Kinos. Die Ein­satzzeit­punk­te dieser Bilder sind in der Par­ti­tur exakt verze­ich­net. Die Sopranistin fügt fein geschwun­gene Vokalisen hinzu und schlüpft zudem in die Rollen von Kalyp­so oder Athene. Es wäre zu wün­schen, dass diesem Werk mehr als nur die Urauf­führung beschieden ist.
Math­ias Nofze