Französische Komponistinnen

Musik für Violine und Klavier. Werke von Louise Farrenc, Lili Boulanger und Pauline Viardot-Garcia

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Cybele Records 351.101
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 74

Die drei Kom­pon­istin­nen des 19. Jahrhun­derts, die auf dieser CD vorgestellt wer­den, umspan­nen vom Geburts­da­tum der ältesten bis zum Sterbe­da­tum der jüng­sten die gesamte franzö­sis­che Roman­tik. Während der indus­triellen Rev­o­lu­tion dieser Zeit kämpften ihre Kol­legin­nen mit ein­er anderen Sprache als der musikalis­chen um uneingeschränk­tes Wahlrecht und das Recht auf Arbeit, Bil­dung und Gle­ich­berech­ti­gung im öffentlichen und pri­vat­en Raum.
Auf ihre Weise hat­ten die drei Kom­pon­istin­nen ihren Anteil an dieser Entwick­lung. Far­renc bek­lei­dete als erste Frau eine Pro­fes­sur für Klavier am Paris­er Kon­ser­va­to­ri­um; trotz­dem hat­te sie ein Leben lang gegen heftige Vorurteile zu kämpfen. Pauline Viar­dot-Gar­cia war eine gefeierte Opern­sän­gerin, eben­so berühmt wie ihre Schwest­er, die leg­endäre Maria Mal­i­bran, bei­de Töchter des renom­mierten spanis­chen Tenors Manuel Gar­cia. Sie sprach fünf Sprachen und war auf dem Klavier gle­icher­maßen begabt wie für den Gesang – immer­hin war sie Schü­lerin von Franz Liszt. Lili Boulanger stammte, wie die bei­den anderen, eben­falls aus ein­er renom­mierten Kün­stler­fam­i­lie. Als erste Frau in der 110-jähri­gen Geschichte des Prix de Rome gewann sie diesen außeror­dentlichen Preis. Sie hat­te nicht viel Zeit, um ihre Bedeu­tung in der Musik­welt zu etablieren; mit 25 Jahren starb sie 1918 an Tuberku­lose – umso erstaunlich­er, dass sie in so kurz­er Leben­szeit so bedeu­ten­den Ruhm erlangte.
Wer die Kom­po­si­tio­nen von Louise Far­renc nicht ken­nt, wun­dert sich zunächst über die klas­sisch anmu­tende Manier ihrer Kom­po­si­tion­sweise. Aber die Dop­pel­griffe, der Ein­satz des Ped­als und die Art des Konz­ertierens der bei­den Instru­mente weisen in die Roman­tik. Tat­säch­lich aber war Far­renc in ihrem Kom­ponieren deut­lich am Stil der Klas­sik ori­en­tiert. Auch die Form der Sonate über­nahm sie, allerd­ings tauschte sie sozusagen den 2. gegen den 3. Satz, denn in der Klas­sik erwartete man als zweit­en Satz einen ruhi­gen, als 3. Satz ein Menuett oder Scher­zo. Far­renc kom­ponierte als 2. Satz ein furios­es Scher­zo, dem als 3. Satz ein Ada­gio fol­gt.
Das wohl bekan­nteste Werk der mit 25 Jahren ver­stor­be­nen Lili Boulanger ist in Klang und Stil an Fau­ré ori­en­tiert und präsen­tiert Klänge, die wir als typ­is­che Dis­so­nanzen im 20. Jahrhun­dert zuhauf find­en.
Pauline Viar­dot-Gar­cia kom­ponierte ihre Werke auf hohem Niveau, aber gle­ichzeit­ig in dem Bewusst­sein, dass zu ihrer Zeit der erste Schritt zum Erfolg die Bühne der gesellschaftlichen Salons war. Anders allerd­ings als andere Kün­st­lerin­nen trug sie dort nicht bere­its als „Salon­musik“ kom­ponierte Werke ander­er Kom­pon­is­ten vor, son­dern sie präsen­tierte ihre eige­nen Werke und schuf sich so für ihre Kar­riere einen entsprechen­den fördern­den Umkreis. Sicher­lich war dieser Hin­ter­grund inspiri­erend für ihre Tänze.
Die Geigerin Annette-Bar­bara Vogel und die Pianistin Ayako Tsu­ru­ta tre­f­fen in jedem der einge­spiel­ten Werke den ihm zugrunde liegen­den Ton. Sie musizieren mit Ein­füh­lung und großer Vir­tu­osität. Ein ungewöhn­lich­er franzö­sisch-roman­tis­ch­er Genuss.
Annette Brun­sing