Arnim, Jan Jiracek von

Franz Liszt

Visionär und Virtuose. Eine Biografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Residenz, Salzburg 2011
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 70

Die Kon­stel­la­tion ist geeignet, Lese­begehrlichkeit­en zu weck­en: Ein junger Pianist und Hochschullehrer, der sich auch um das küm­mert, was man „Ver­mit­tlung“ nen­nt, schreibt eine Liszt-Biografie; nimmt emphatisch inter­essiert und liebevoll kri­tisch-dis­tanziert Partei für einen maßge­blichen Kom­pon­is­ten und Kün­stler, einen schillernd-geheimnisvollen Men­schen und, selb­stver­ständlich, auch seine Musik.
Von Arn­ims Liszt-Buch kann unter der Voraus­set­zung solch­er Wün­sche nur ent­täuschen. Es erzählt wenig aufre­gend und lei­den­schaft­s­los eine Lebengeschichte, eingeteilt in vier (Lebens-)„Abschnitte“ zu je drei Kapiteln, umrahmt von Pro­log und Epi­log, der als „Nachk­lang“ von Liszt als Lehrer berichtet und zu den lesenswert­eren Teilen des Buchs gehört.
Was der Klap­pen­text „in feinen Strichen“ skizziert nen­nt, ergibt ein blass­es, wenig detail­liertes Bild Franz Liszts. Und dies Bild tendiert latent oft ins Neg­a­tive mit der Nei­gung, sich den um Liszt rank­enden Leg­en­den anzuschließen. Der Komet in Liszts Geburt­s­jahr darf hier nicht fehlen, der beru­flich ver­meintlich erfol­glose Vater, die bedauern­swert man­gel­nde (Schul-)Bildung des Sohns und dessen ange­bliche, geringe Aus­dauer beim Arbeit­en. Von Arn­im lässt dies von ihm zitierte bösar­tige Verdikt der Fürstin Wittgen­stein (Liszts let­zter Lebens­ge­fährtin) zu Liszts Arbeit­sethos unkom­men­tiert, wie auch andere sein­er Zitate, die dadurch wie im leeren Raum schweben. Dabei wäre es ger­ade in Anbe­tra­cht seines poten­ziellen Lesepub­likums – musikhis­torisch nicht bewan­derte Musik­lieb­haber – nüt­zlich gewe­sen zu kom­men­tieren, Deu­tun­gen anzu­bi­eten, Zusam­men­hänge herzustellen.
Befremdlich erscheint die indif­fer­ente Hal­tung, die der Biograf an den Tag legt, wenn er sich, sel­ten genug ein­mal, der Musik zuwen­det. Meist geschieht das in All­ge­mein­plätzen oder hermeneutis­chen Ver­mu­tun­gen: „Wenn ich ein Werk wie ‚Vallee d’Obermann‘ spiele, meine ich die Verzwei­flungsrufe des jun­gen Liszt zu hören […] und füh­le mich dadurch per­sön­lich ange­sprochen.“ Der zen­tralen Bedeu­tung der h‑Moll-Sonate („in ihr verbindet sich Liszts vir­tu­os­er Stil mit tiefer Empfind­ung der Zwis­chen­töne“) wird ein Biograf sich­er nicht gerecht, wenn er die ablehnen­den Äußerun­gen über sie mit der Anek­dote krönt, dass Brahms bei Liszts pri­vatem Vor­spiel eingeschlafen sei. Dass Liszt auf die Ablehnung sein­er neuen Musik nicht klein­mütig reagierte, son­dern mit „kakanis­chem Witz und stois­chem Stolz“ (so Wolf­gang Döm­ling in sein­er schmalen, detail­re­ichen Liszt-Biografie, die man beim Lesen der von Arnim’schen zur Hand haben sollte), erfährt der Leser bei von Arn­im nicht.
Das Lit­er­aturverze­ich­nis seines wom­öglich „mit heißer Nadel gestrick­ten“ Buchs führt über­wiegend die einge­führten Liszt-Biografien auf, darunter auch die neuesten Datums, etwa die 2011 erschienene von Oliv­er Hilmes. Wenn von Arn­im nun im Anmerkung­steil auf eben diese Sekundärquellen mit dem Satz ver­weist: „Die fol­gende biografis­che Darstel­lung schöpft aus den im Lit­er­aturverze­ich­nis aufge­führten Quellen“, wird ver­ständlich, warum sein Buch den Charak­ter der Uneigentlichkeit trägt und sich als Biografie aus zweit­er Hand liest.
Gün­ter Matysi­ak