Hamburger, Klára

Franz Liszt

Leben und Werk

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau, Köln 2010
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 64

Eine neue Liszt-Biografie? Gewiss bietet das Liszt-Jahr 2011, in dem sich der Geburt­stag des „Zukun­ftsmusik­ers“ zum 200. Mal jährt, hin­re­ichend Anlass für Jubiläum­sak­tiv­itäten. Indes: Ist nicht alles gesagt über den beg­nade­ten König des Klaviers, den musikalis­chen Rev­o­lu­tionär, den Salon­löwen, Wom­an­iz­er und Gottsuch­er, über diese in ihrer Wider­sprüch­lichkeit ger­adezu faustis­che Gestalt? Und kann, zugle­ich gefragt, der klas­sis­che mono­grafis­che Zugriff heute noch gelin­gen, in ein­er Zeit, da auch auf dem Feld der Musikolo­gie die Unter­suchung von Einzel­fra­gen nach streng wis­senschaftlichen Kri­te­rien Vor­rang besitzt vor jeglichem Bemühen um eine Gesamtschau?
Klára Ham­burg­ers Liszt-Buch beweist, dass die skizzierten Gegen­sätze miteinan­der vere­in­bar sind: Als Musik­wis­senschaft­lerin und aus­gewiesene Liszt-Exper­tin bezieht die Autorin eine Fülle von Fach­lit­er­atur zum The­ma bis hin zu neuesten Titeln – etwa Dis­ser­ta­tio­nen aus den Jahren 2008 und 2009 – in ihre Darstel­lung ein und ver­weist in ihren Fußnoten auf die jew­eili­gen Quellen. Zugle­ich ist ihr mit dieser Pub­lika­tion ein angenehm les­bares, nachger­ade span­nend erzähltes Buch geglückt, das eine pro­funde und damit per­fek­te Ein­stim­mung ins Liszt-Jahr darstellt und allen Inter­essierten als Ref­eren­zw­erk nach­drück­lich emp­fohlen wer­den kann.
Viel Aufmerk­samkeit wid­met die ehe­ma­lige Gen­er­alsekretärin der ungarischen Liszt-Gesellschaft Fra­gen wie jen­er nach der nationalen Iden­tität Liszts oder auch nach sein­er religiösen und weltan­schaulichen Grundierung. Zumal in der von den poli­tis­chen Fährnissen des 20. Jahrhun­derts geprägten Liszt-Rezep­tion kam diesen Aspek­ten über­mäßig große Bedeu­tung zu: Die NS-Pub­lizis­tik reklamierte Liszt als „deutschen Meis­ter“, Béla Bartók hinge­gen betonte, dass sich Liszt trotz sein­er Unken­nt­nis der Lan­dessprache in Wort und Tat als Ungar definiert habe. Das kom­mu­nis­tis­che Ungarn schließlich ver­schwieg weit­ge­hend Liszts frei­denkerischen Katholizis­mus. Erst in der Über­win­dung dieser „gefärbten“ Liszt-Deu­tun­gen aber kon­nte, so Klára Ham­burg­er, gelin­gen, was sie selb­st als wichtig­stes Ziel
ihres Buch­es dar­legt: eine neue, angemessene Wertschätzung des Kom­pon­is­ten Liszt, nicht zulet­zt seines außeror­dentlichen Spätwerks. Dass dieses gle­icher­maßen auf Reduk­tion wie Öff­nung der Per­spek­tive aus­gerichtete späte Œuvre Resul­tat eines lan­gen Entwick­lung­sprozess­es war und nicht als Aus­druck res­ig­na­tiv­en Eremi­ten­tums mis­szu­ver­ste­hen ist, legt Ham­burg­er überzeu­gend dar.
Bere­its 1973 hat Klára Ham­burg­er ein Liszt-Buch vorgelegt, es erschien 1987 in zweit­er Auflage. Selb­stver­ständlich schmälert dies den Wert der hier vorgelegten Mono­grafie in kein­er Weise, nur wüssten wir gern mehr über die Rela­tion des neuen Texts zu den vorheri­gen Pub­lika­tio­nen. Einzelne Äußerun­gen wie jene, dass das Spätwerk „noch immer kaum gespielt“ werde, scheinen älteren Textver­sio­nen zu entstam­men. Hier wäre ein klären­des Wort hil­fre­ich gewe­sen.
Ger­hard Anders