Bartók, Béla

Four Pieces for Orchestra op. 12 / Concerto for Violin and Orchestra No. 1 / Music for Strings, Percussion and Celesta

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler 93.127
erschienen in: das Orchester 04/2006 , Seite 90

Es wird gerne vergessen, dass Béla Bartók, ein­er der großen Repräsen­tan­ten der Mod­erne des 20. Jahrhun­derts, noch ganz im Fahrwass­er der Spätro­man­tik zu kom­ponieren begann. Zunächst beein­druck­ten ihn die sin­fonis­chen Dich­tun­gen von Richard Strauss, dann geri­et er zeitweilig in den Bann Claude Debussys. Ursäch­lich dafür, dass Bartók sich aus dieser Nach­folge löste und zu seinem unver­wech­sel­baren eige­nen Per­son­al­stil fand, wurde die Begeg­nung mit der ungarischen Bauern­musik ab 1905, die ihm neue Möglichkeit­en der Tonal­ität und rhyth­misch-metrischen Organ­i­sa­tion eröffnete.
Die Vier Stücke op. 12 ste­hen an der Schwelle dieses Über­gangs. Beze­ich­nend ist es, dass sie 1912 kom­poniert, aber erst 1921 für Orch­ester aus­gear­beit­et und 1922 uraufge­führt wur­den. In der Zwis­chen­zeit hat­te sich Bartók, dessen neuere musikalis­chen Arbeit­en in Budapest zunehmend auf Wider­stand gestoßen waren, erst ein­mal vom öffentlichen Konzertleben zurück­ge­zo­gen.
In der vor­liegen­den Auf­nahme der Vier Stücke mit dem SWR Sin­fonieorch­ester unter seinem langjähri­gen Leit­er und heuti­gen ständi­gen Gast­diri­gen­ten Michael Gie­len vern­immt man die stilis­tisch in die Ver­gan­gen­heit weisenden Züge der Par­ti­turen ganz deut­lich: vor allem Pre­lu­dio und Inter­mez­zo wirken noch ganz impres­sion­is­tisch getönt, während Mar­cia fune­bre Anklänge an den Operneinak­ter Her­zog Blaubarts Burg zeigt und das Scher­zo schließlich in sein­er rohen Kraft und maschi­nen­haften Getrieben­heit bere­its der Neuzeit ange­hört.
Noch länger der Öffentlichkeit voren­thal­ten blieb Bartóks erstes, von sein­er Schwärmerei für die Geigerin Stef­fi Gey­er inspiri­ertes Vio­linkonz­ert, das nach dem per­sön­lichen Zer­würf­nis zwis­chen Kom­pon­ist und Geigerin in sein­er orig­i­nalen Gestalt unveröf­fentlicht blieb und erst posthum 1958 seine Urauf­führung erlebte. Chris­t­ian Ostertag als Solist gibt den bei­den Sätzen ihr klar indi­vidu­elles Pro­fil: dem ein­lei­t­en­den Andante als zart-schwärmerischem Porträt Stef­fi Gey­ers und dem fol­gen­den Alle­gro gio­coso als höchst vir­tu­os­er Beschwörung ihrer kün­st­lerischen Fähigkeit­en.
Den reifen Bartók in sein­er unver­wech­sel­baren musikalis­chen Phys­iog­nomie repräsen­tiert auf der vor­liegen­den CD die 1937 von Paul Sach­er mit seinem Basler Kam­merorch­ester uraufge­führte Musik für Sait­enin­stru­mente, Schlagzeug und Celes­ta. Das Werk hat sich sei­ther seine Frische bewahrt und kein­er­lei Pati­na ange­set­zt, wie auch die Neuein­spielung unter Michael Gie­len zeigt. Mitreißende Vital­ität ent­fal­tet das SWR Sin­fonieorch­ester in den bei­den schnellen Sätzen mit ihren zeitweili­gen Folk­lore­an­klän­gen. Die ein­lei­t­ende, hochar­ti­fizielle Spiegelfuge erklingt in ihren Stim­mver­läufen ganz trans­par­ent; den tief­sten Ein­druck hin­ter­lässt jedoch das Ada­gio, das mit seinen gefährlich tick­enden Celestatö­nen über dem schwank­enden Boden von Paukenglis­san­di wie ein Menetekel von der Gefährdung des Men­schen im Zeital­ter der Mod­erne zu kün­den scheint.
Ger­hard Dietel