Werke von Maria Herz, Marie Jaëll, Elisabeth Kuyper, P!nk, Emilie Mayer, Luise Adolpha le Beau u. a.
Fortissima
Raphaela Gromes (Violoncello), Julian Riem (Klavier), Deutsches Symphonieorchester Berlin, Ltg. Anna Rakitina
Mit Komponistinnen hatte sich Raphaela Gromes schon auf ihrem vorletzten, 2023 erschienenen Album Femmes beschäftigt. Da standen aber auch Frauenfiguren im Zentrum wie Mozarts Susanna oder Purcells Dido. Und mit Clara Schumann, Fanny Mendelssohn und Nadia Boulanger waren bekannte Komponistinnen dabei. Die Ausgrabungen, die die Cellistin für ihr aktuelles Doppelalbum Fortissima mit Hilfe des Frankfurter Archivs „Frau und Musik“ getätigt hat, gehen nun noch tiefer. Emilie Mayer, deren Sinfonien sich in den letzten Jahren gelegentlich auf Konzertprogrammen fanden, ist noch der bekannteste Name. Mayers Cellosonate in A-Dur verbindet wie im Scherzo Leichtigkeit mit kompositorischer Tiefe. Das Andante cantabile atmet Freiheit. Im Finale entwickeln Raphaela Gromes und ihr Klavierpartner Julian Riem einen natürlichen Fluss und glänzen mit feiner Virtuosität. Henriëtte Bosmans’ nach dem Ersten Weltkrieg komponierte Cellosonate in
a-Moll ist immer wieder impressionistisch gefärbt. Gromes schöpft ihre großen klanglichen Möglichkeiten aus und berührt wie auch im Larghetto von Victoria Yagling (1946–2011) und der Méditation in F-Dur op. 33 von Mél Bonis (1858–1937), beides echte Ohrwürmer, mit ihrem sonoren, farbenreichen Celloton. In der großartigen D-Dur-Sonate op. 17 von Luise Adolpha Le Beau (1850–1927), der ersten Frau in der Kompositionsklasse von Josef Gabriel Rheinberger, sind Klavier und Cello auf Augenhöhe. Nicht nur in den geschmackvollen Rubati spürt man die musikalische Vertrautheit zwischen Raphaela Gromes und Julian Riem.
Aber auch die beiden großen Orchesterwerke sind, plastisch umgesetzt vom Deutschen Symphonieorchester Berlin unter der Leitung von Anna Rakitina, echte Schätze. Im Cellokonzert in F-Dur von Marie Jaëll (1846–1925) entfaltet Raphaela Gromes auch in höchster Lage Kantabilität. Das Tarantella-Finale, das lyrische Inseln bereithält, spielt sie mit hinreißender Musikalität. In Maria Herz’ (1878–1950) ganz rhapsodisch beginnendem Cellokonzert op. 10 ist das Cello im Orchester eingebettet. Herz’ reiche, gut instrumentierte Musik kann auch wie im „Pochissimo meno mosso“ grotesk werden. Und am Ende mit einer wohldosierten Steigerung und einem finalen Fugato Sogwirkung erzielen. Hart an der Kitschgrenze bewegt sich Elisabeth Kuypers Ballade op. 11 (1877–1953). Verzichtbar erscheinen die beiden musikalisch äußerst übersichtlichen, weichgespülten Stücke von Rebecca Dale, die neu für das Album komponiert wurden. Und auch den Popsongs von Adele (All I Ask) und P!nk (Wild Hearts Can’t Be Broken) fehlt ohne Stimme und Text das Entscheidende. Gemeinsam mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka ruft Raphaela Gromes auch in einem im Goldmann-Verlag erschienenen Buch die Komponistinnen in Erinnerung. Ihre Entdeckungsarbeit ist noch nicht zu Ende.
Georg Rudiger


