Feldman, Morton

For Aaron Copland

für Violine solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2004
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 76

Mor­ton Feld­man hat es nie irgendwem leicht gemacht. Sich selb­st nicht, den Inter­pre­ten nicht und dem Pub­likum schon gar nicht. „Ich bin kein Befür­worter von Werten des Estab­lish­ments, noch bin ich jemand, der eine von vorn­here­in fest­gelegte Funk­tion in der Gesellschaft hat. Unter­hal­tung und Vir­tu­osität inter­essieren mich nicht, vielmehr eine Art Poe­sie, die so abstrakt ist, dass sie keine andere Funk­tion haben kann, als ein Gefühl von Erleuch­tung zu erweck­en.“ (Zitat nach Ad van’t Veer: In memo­ri­am Mor­ton Feld­man)
Feld­man exper­i­men­tierte mit grafis­ch­er Nota­tion, ver­warf sie dann wieder, ver­weigerte sich jeglich­er Art von iden­ti­fizier­baren Kom­po­si­tion­ssys­te­men und ver­mied kon­se­quent über­schaubare Form­struk­turen in der Absicht, an deren Stelle den Gesam­tum­fang ein­er Kom­po­si­tion ins Blick­feld zu rück­en. Ihn inter­essierte das asymetrische, ametrische Ele­ment. Berühmt-berüchtigt ist die Länge manch­er sein­er Werke. Allein das 2. Stre­ichquar­tett dauert bis zu fün­fein­halb Stun­den. Auch heute, 18 Jahre nach seinem Tod, ist Feld­man immer noch eine Reiz­fig­ur, an der sich die Geis­ter schei­den.
Posthum ist jet­zt bei Uni­ver­sal Edi­tion ein kurzes (!) Stück für Vio­line allein aus dem Jahr 1981 erschienen: For Aaron Cop­land. Die Bedeu­tung des Titels will sich mir ehrlich gesagt nicht erschließen. Ver­schiedenar­tiger als die Klang­sprache Feld­mans von der Cop­lands kann Musik eigentlich nicht mehr sein. Um so mehr kommt mir bei der Durch­sicht des kleinen Werks sofort ein ander­er Name in den Sinn, der­jenige von Feld­mans Men­tor John Cage. Cage veröf­fentlichte 1960 seine Six Melodies for Vio­lin and Key­board, Minia­turen, in denen jew­eils vier oder fünf Ton­höhen min­i­mal­is­tisch verän­dert in Dynamik, Dauer und Farbe vor­ge­tra­gen wer­den.
Feld­mans For Aaron Cop­land beschränkt sich auf die Noten g, f, d, c, h, a, e, die con sor­di­no in unter­schiedlich­er Länge und Farbe – fest gegrif­f­en, als natür­liche oder als kün­stliche Fla­geo­lett­töne – bei durchge­hend ein­heitlich­er mez­zo-piano-Dynamik erklin­gen, unter­brochen jew­eils von asymetrisch geset­zten 2/4‑Pausen. Was diesen Kom­pon­is­ten umtreibt, ist das Ver­hält­nis von Klang und Stille, von Ton­dauer und Zeit, der Drang, Musik sämtlich­er Äußer­lichkeit und Eit­elkeit zu entk­lei­den und zugle­ich dem Hör­er das Erleb­nis inten­sivsten Zuhörens, des einem jeglichen Bestandteil dieser auf extrem wenige Ele­mente reduzierten Ton­struk­tur Nach­lauschens zu ver­mit­teln.
Ich kön­nte mir vorstellen, dass das kleine Werk in einem Recital-Pro­gramm zeit­genös­sis­ch­er Musik strate­gisch geschickt platziert dur­chaus seine Wirkung zu ent­fal­ten ver­mag. In jedem Fall eine inter­es­sante Ergänzung des Reper­toires und ein weit­er­er Beitrag zum immer noch kon­tro­ver­sen The­ma Feld­man.
Her­wig Zack