Respighi, Ottorino / Joseph Suk

Fontane di Roma/Feste Romane / Scherzo Fantastique op. 25

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dreyer-Gaido 21022
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 82

Wohnt nicht eine gewisse Por­tion Schiz­o­phre­nie der Tätigkeit des Rezensen­ten inne? Von ihm wer­den, zu Recht, zwei grund­ver­schiedene Tugen­den erwartet: sein mit Hin­ter­grund­wis­sen prall gefülltes Säck­lein stets griff­bere­it zu haben und zugle­ich – gewis­ser­maßen als Per­son­ifika­tion eines „unbeschriebe­nen Blattes“ – dem zu rezen­sieren­den Gegen­stand völ­lig unvor­ein­genom­men ent­ge­gen­zutreten. Doch wer ver­mag dies zu leis­ten? Häu­fig genug lastet das Säck­lein schw­er auf unserem Buck­el, es befrachtet uns mit Schein­wis­sen, sprich: mit Vorurteilen über das, was da vor uns liegt. Wir glauben, von der Hülle auf sein Inneres schließen zu kön­nen.
Hier wird von ein­er konkreten Erfahrung berichtet, die mich rück­blick­end nachger­ade beschämt: Respighi, Römis­che Brun­nen, Römis­che Feste, na ja, Glitzerkram ohne Tief­gang, das Ganze gespielt von einem „Prov­in­zorch­ester“. Dazu ein weit­ge­hend unbekan­ntes Stück von Joseph Suk, um die CD aufzufüllen – also gut, hören wir mal ’rein… Und dann dies: Ein glänzend disponiertes, grandios auf­spie­len­des Orch­ester, geleit­et von einem gle­icher­maßen charis­ma­tis­chen wie intel­li­gen­ten jun­gen Diri­gen­ten, dazu aus­gek­lügelte Auf­nah­mebe­din­gun­gen: Respighis oft gescholtene, der Ober­fläch­lichkeit geziehene Musik wird zum Ereig­nis, und Suks Scher­zo Fan­tas­tique erweist sich als echte Ent­deck­ung!
Im Book­let­text führt Diri­gent Gabriel Feltz detail­liert aus, worin seine Moti­va­tion bei der vor­liegen­den Ein­spielung lag und wie er diese – gemein­sam mit einem Auf­nah­me­team von Radio Bre­men in der offenkundig sehr guten Akustik des Ger­aer Konz­erthaus­es – real­isieren kon­nte: Aus­ge­hend von Feltz’ Frage, wie es möglich sei, „die enorme Klangfülle der Par­ti­turen so trans­par­ent zu hal­ten, dass viele uns beson­ders faszinierende Details […] bewusst hör­bar wer­den“, wurde zunächst exper­i­men­tiert: mit ungewöhn­lichen Orch­ester­auf­stel­lun­gen, mit Dämpfern aller Art. Vor allem aber haben Orch­ester und Diri­gent viel Mühe darauf ver­wen­det, Respighis raf­finierte Dynamik so umzuset­zen, dass eine immense Band­bre­ite zwis­chen kaum hör­barem pianis­si­mo und gewalti­gen fff-Ent­ladun­gen erleb­bar wird. Das Ergeb­nis ist außergewöhn­lich: Ohne etwa manip­ulierend in die Par­ti­tur ein­greifen zu müssen, wurde dem Medi­um CD gegeben, was ihm frommt. So ent­standen Klang­wirkun­gen, wie sie im Konz­ert­saal – zumin­d­est bei herkömm­lich­er Orch­es­ter­dis­po­si­tion – sel­ten zu hören sind.
Alles andere als ein Lück­en­füller ist Joseph Suks 1903 kom­poniertes Scher­zo Fan­tas­tique. Im Gegen­teil: Das fan­tasievolle, an den späten Dvor¡ák gemah­nende Werk fungiert als wohltuen­der Kon­trast zu Respighis prachtvoller, unleug­bar aber an einem entschei­den­den Man­gel krank­ender Musik; es fehlt ihr an zwin­gen­den melodis­chen Ein­fällen vom Schlage jen­er Stre­icherkan­ti­lene aus Suks Scher­zo, die allein den bren­nen­den Wun­sch nach mehr Musik dieses zu Unrecht wenig gespiel­ten Meis­ters ent­facht.
Ger­hard Anders