Bach, Johann Sebastian

Flute Sonatas

BWV 1034, 1035, 1030, 1032 und 1013

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Claves 50-2511
erschienen in: das Orchester 10/2006 , Seite 97

Als Doku­ment sein­er lebenslan­gen kün­st­lerischen Entwick­lung hat Peter-Lukas Graf jet­zt die dritte Ein­spielung von Bach-Sonat­en vorgelegt. Dass er auf „seinem“ Instru­ment, der mod­er­nen Quer­flöte spielt, wird man ihm wohl kaum ver­denken kön­nen, kon­se­quenter­weise wählte er dies­mal als Part­ner-Instru­ment das Klavier. Obwohl es als Gen­er­al­bass-Instru­ment im ersten Augen­blick befrem­den mag, ist doch bei so gelun­gener Aus­set­zung und Klan­gregie nichts dage­gen einzuwen­den.
Die Rei­hen­folge der Werke ist wohldurch­dacht: in der Mitte ste­ht die Par­ti­ta für Flöte allein, flankiert von je ein­er Solo-Sonate, eröff­nend und schließend je eine Trio-Sonate. Graf zeigt sich in allen Stück­en als zupack­end bril­lanter Spiel­er, wenn seine Eigen­willigkeit­en auch nicht immer kon­sens­fähig sind. In der Par­ti­ta überzeugt am meis­ten die abwech­slungsre­ich gestal­tete Alle­mande. Die Atem­be­herrschung des fast 76-Jähri­gen ist erstaunlich, sein Kün­stler­tum hier über alles erhaben. Die Cor­rente lenkt die Aufmerk­samkeit mehr auf Details, die ver­steck­te Poly­fonie geht ver­loren. Die Sara­bande ist etwas zu schw­er genom­men, so fall­en die „affek­t­freien“ Verzierun­gen auf, die der Kom­po­si­tion nichts hinzufü­gen. Die Bour­rée wird sehr poiniert gespielt, das Artiku­la­tion­s­geräusch stört ein wenig.
Die bei­den Con­tin­uo-Sonat­en enthal­ten immer wieder schöne Details. Schade, dass in der e‑Moll-Sonate das „Ada­gio ma non tan­to“ durch zu gle­ich­mäßige Zweierbindun­gen und bis zum Still­stand zerdehnte Bin­nenkaden­zen immer langsamer wird, und dass dieselbe Vorschrift im Kopf­satz der E‑Dur-Sonate dazu führt, dass die Musik zu sehr im Sinne des galanten Stils gedeutet wird.
Der erste Satz der Trio-Sonate in A‑Dur ist bekan­ntlich unvoll­ständig über­liefert, die hier zu hörende Ergänzung begin­nt mit der von Alfred Dürr für Bären­re­it­er gemacht­en Fas­sung, von der sie die ersten 15 Tak­te ver­wen­det. Danach fol­gen 23 von den Inter­pre­ten zu ver­ant­wor­tende, in Tonarten­plan und Anord­nung des Mate­ri­als plau­si­ble Tak­te.
Allerd­ings wer­den die bei­den Schlusstak­te metrisch um einen hal­ben Takt ver­schoben, sodass der Satz auf der „Eins“ und nicht, wie aus den erhal­te­nen Tak­ten des Auto­grafs ersichtlich, auf der „Drei“ endet.
Während die A‑Dur-Sonate spiel­freudig konz­er­tant am Anfang ste­ht, scheint mir die ihrer Bedeu­tung entsprechend an den Schluss geset­zte h‑Moll-Sonate in ihrer Inter­pre­ta­tion am meis­ten angreif­bar. Das Tem­po des ersten Satzes ist deut­lich schneller als in anderen Auf­nah­men, durch den stark aus­ge­spiel­ten Affekt erscheint der Satz aber länger, als er in Wirk­lichkeit ist. Die „Vorschläge“, hin­sichtlich ihrer Aus­führung beim Namen genom­men, sind gewöh­nungs­bedürftig, was Zeit­punkt, Dauer und har­monis­chen Bezug bet­rifft. Im Aus­druck nicht gut getrof­fen ist der überdehnte zweite Satz, die hinzuge­fügten Verzierun­gen wären nicht nötig gewe­sen.
Vielle­icht verträgt Bachs Musik tat­säch­lich weniger Frei­heit­en, als Inter­pre­ten sie sich gerne nehmen möcht­en; in Struk­tur und Gehalt einzi­gar­tig braucht sie die rechte Bal­ance zwis­chen dem Objek­tiv­en des Noten­textes und dem Sub­jek­tiv­en der eige­nen Vorstel­lung. Trotz der Ein­wände: Nicht nur wegen des bemerkenswert gle­ichsin­ni­gen und gle­ich­berechtigten Zusam­men­spiels mit sein­er Tochter Agla­ia Graf kann Peter-Lukas Grafs dritte Annäherung an Bach Inter­esse beanspruchen, ein­er­seits als bewun­dern­swerte Leis­tung, ander­er­seits, weil sie einen sin­nvollen Ver­gle­ich mit Auf­nah­men von Barock-Spezial­is­ten erlaubt.
Ursu­la Pesek