Fledermaus trifft Unterwelt

Jacques Offenbach und Johann Strauß in Arrangements für Harmoniemusik von Andreas N. Tarkmann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: hr-musik.de hrmk 032-06
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 82

Wenn heute Cov­er-Bands eben­so verge­blich wie bewusst in die viel zu großen Fußstapfen von Pink Floyd, Police oder den Stones treten, dann ist das dem sehr men­schlichen Bedürf­nis des Pub­likums geschuldet, große Musik zu erleben – wenn schon nicht im Orig­i­nal, dann jeden­falls live. Im Musik­be­trieb des 18. und frühen 19. Jahrhun­derts über­nah­men – maßgeschnei­dert für den sparsamen Fürsten­hof – Har­moniemusiken diese Auf­gabe: Flöten, Oboen, Klar­inet­ten, Fagotte und Hörn­er, ver­stärkt durch einen Kon­tra­bass. Sie holten die Opern­melo­di­en noch an den let­zten Hof jedes ver­armten Prov­in­zadli­gen und verkün­de­ten so, was in der Welt der Musik ange­sagt war.
Har­moniemusiken sind heute, da Oper kein rein elitäres Vergnü­gen mehr ist, ihrem ursprünglichen Zweck ent­fremdet. Und wenn Bear­beitun­gen für Bläserensem­ble noch im 21. Jahrhun­dert entste­hen, dann ist das sog­ar ein gewaltiger Anachro­nis­mus. Dies ist den Mit­gliedern des Antares-Ensem­bles – sie ste­hen alle in Dien­sten des hr-Sin­fonieorch­esters Frank­furt – natür­lich bewusst. Ja, sie koket­tieren sog­ar mit der altertüm­lichen Konzep­tion der vor­liegen­den CD, die Auszüge aus den zwei bekan­ntesten Pro­duk­ten der zwei größten Operetten­meis­ter enthält: Fle­d­er­maus trifft auf Orpheus in der Unter­welt, Strauß auf Offen­bach.
Die Ein­stel­lung der hr-Bläs­er ist freilich kein Zeichen von Über­he­blichkeit, son­dern einem gut begründ­baren Selb­st­be­wusst­sein geschuldet: Das Antares-Ensem­ble spielt ein­fach her­vor­ra­gend. Und es spielt gute Musik, für die der bekan­nte Arrangeur Andreas N. Tark­mann ver­ant­wortlich zeich­net. Der hält sich zunächst ein­mal an den unnachahm­lichen orgelähn­lichen Klang his­torisch­er Har­moniemusiken, verzichtet also auf Instru­men­ta­tion­sef­fek­te, wie sie in den Par­ti­turen ger­ade Mahlers zu find­en sind: den Ein­satz von Musikin­stru­menten in völ­lig unge­wohn­ter Lage etwa.
Vor­bild für Tark­mann sind die Funken sprühen­den Orig­i­nale, und für die gle­iche Cham­pag­n­er­laune sollen auch seine Bear­beitun­gen sor­gen. Dies umzuset­zen gelingt dem Ensem­ble müh­e­los, denn die Spiel­er haben für ihren Ver­suchs­bal­lon vor­sor­glich auf Bal­last und Schw­er­fäl­ligkeit verzichtet. Doch nicht nur das: Sie haben sich offen­bar einge­hend mit den Vor­la­gen befasst und spüren mit fein­stem Sinn der dra­matur­gis­chen Span­nung, dem Inhalt und Stimm­charak­ter der Arien, Ensem­bles und Tänze nach. Das Finale I aus Offen­bachs Orpheus ver­mag wohl auch im Orig­i­nal nicht mehr mitzureißen.
Den beson­deren Reiz von Tark­manns Bear­beitung macht schließlich aus, dass er die zehn Instru­mente über die Gat­tungskon­ven­tio­nen der Har­moniemusik hin­aus fordert und mit neck­ischen, fan­tasievollen Rand­fig­uren, mit Vir­tu­osität fördert. Und: dass er dem Pop­ulis­mus absagt. Fast aber­witzig, dass diese CD statt des beina­he unver­mei­dlichen einen anderen Can-Can aus dem Orpheus bringt.
Johannes Killyen