Eespere, René

Flatus III

Bläserquintett (fl, ob, cl, corno, fag)

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Eres Edition, Lilienthal/Bremen 2008
erschienen in: das Orchester 07-08/2009 , Seite 66

Als Joseph Haydn um 1756 eine neue Kam­mer­musik­gat­tung, das Stre­ichquar­tett, entwick­elte, war für die Bläs­er eine ver­gle­ich­bare For­ma­tion noch lange nicht in Sicht. Bläserkam­mer­musik gab es zu dieser Zeit nur mit paar­weise beset­zten Instru­menten als Mil­itär- oder Unter­hal­tungsmusik, meist als Sex­tett oder Oktett. Die zün­dende Bläseridee, der ver­i­ta­ble Mis­chk­lang für die ein­fache Bläserquin­tet­tbe­set­zung, hat­te 1812 Anton Reicha. Damit war eine neue Beset­zung geboren, die ein fes­ter Bestandteil der Musikgeschichte wurde – mit dem Vorteil ein­er größeren klan­glichen Vielfalt als das Stre­ichquar­tett. Der Mannheimer Franz Danzi kom­ponierte neun Quin­tette für diese Beset­zung und inspiri­erte damit in der Folge eine ganze Kom­pon­is­ten­gener­a­tion, wie z.B. Gebauer, Lach­n­er und Onslow. Namhafte und bedeu­tende Kom­pon­is­ten ließen diese Kat­e­gorie jedoch bedauer­licher­weise außer Acht, weshalb sie zu kein­er Zeit das kom­pos­i­torische Niveau wie z.B. die Stre­ich­er- bzw. Quar­tet­tlit­er­atur erre­ichte. Den­noch set­zte sich der Erfol­gsweg dieser Beset­zung fort – u.a. über Klein­meis­ter wie Tafanel und Klughardt – und später bei Hin­demith, Nielsen, Françaix und Ibert.
Nun hat sich ein weit­er­er zeit­genös­sis­ch­er Kom­pon­ist dieser Gat­tung angenom­men. René Eespere (* 1953) ist ein est­nis­ch­er Kom­pon­ist und gehört zu den bedeu­ten­den, neuzeitlichen Ton­schöpfern des Baltikums. Er studierte an der Est­nis­chen Musikakademie und am Moskauer Kon­ser­va­to­ri­um und war dort Assis­tent bei Aram Chatschatur­jan. Seit 1979 unter­richtet er Kom­po­si­tion und Musik­the­o­rie an der Est­nis­chen Musikakademie. Eespere schrieb zahlre­iche Vokalw­erke und Kam­mer­musik für wech­sel­nde und inter­es­sante Beset­zun­gen. Auf­fäl­lig ist bei seinen Werken eine klare dia­tonis­che Melodieführung und eine aus­geprägte Osti­na­to-Tech­nik. Diese kom­pos­i­torischen Merk­male sein­er typ­is­chen Ton­sprache sind auch in seinem Quin­tett Fla­tus III (lat. Wind) zu erken­nen. Dieses Werk fol­gt den Bläser­stück­en “Fla­tus I” für Trompete in C und Orgel (1998) und “Fla­tus II” für Flöte solo (2001). Das Quin­tett dauert ca. acht Minuten, ist durchkom­poniert und gliedert sich in sieben kurze Teile, die sich in musikalis­chem Charak­ter und Spielart deut­lich voneinan­der unter­schei­den. Dadurch entste­ht sowohl für die Spiel­er als auch für die Zuhör­er ein sehr inter­es­santes Spiel- und Hör­erleb­nis.
So eröff­nen zwei leise, dis­so­nante Akko­rde das Stück mit einem Zwiege­spräch zwis­chen Oboe und Fagott, dem sich dann im Forte das Tut­ti in bohren­den Stac­cati anschließt. Es fol­gen fließende Girlan­den im Piano und Lega­to, solis­tisch oder im gemein­samen Zusam­men­spiel, immer wieder unter­brochen und begleit­et durch osti­nate Stac­cati. Im Laufe des Stücks wech­seln sich immer wieder ruhige, gesan­gliche Episo­den mit osti­nat­en Rhyth­men ab. Zum Ende erweit­ert und ver­langsamt sich der musikalis­che Fluss – im teil­weise ruhi­gen synkopierten Vier­tel-Metrum. Damit klingt diese sehr reizvolle Kom­po­si­tion aus, die eine Bere­icherung der Quin­tet­tlit­er­atur darstellt. Die Eres-Neuer­schei­n­ung mit Par­ti­tur und Stim­men ist von sehr guter Qual­ität im Noten­druck und in der Über­sichtlichkeit des Noten­texts.
Alfred Rinderspacher