Schnittke, Alfred

Film Music Vol. II

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 71061
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 98

Der Musik­er, der sich mit Bro­tar­beit­en über Wass­er hält, dieweil er im stillen Käm­mer­lein an sein­er eigentlichen Botschaft für die Nach­welt arbeit­et: Ein arg roman­tis­ches Klis­chee ist diese Vorstel­lung von ein­er zwieges­pal­te­nen Kün­stler­per­sön­lichkeit. Ein Stück weit passt sie freilich auf die Anfangs­jahre des Kom­pon­is­ten Alfred Schnit­tke, der unter den kul­tur­poli­tis­chen Bedin­gun­gen in der Sow­je­tu­nion eine Art kün­st­lerischen Spa­gat vol­lziehen musste. Während er sich pri­vat mit den Anre­gun­gen der west­lichen Avant­garde auseinan­der set­zte, fand er sein beru­flich­es Auskom­men mit der Musik zu über 60 Fil­men. Doch würde man Schnit­tke verken­nen, wollte man diese Film­musiken als ungeliebte Beschäf­ti­gung zur Sicherung des Leben­sun­ter­halts abw­erten. Eher ist davon auszuge­hen, dass Schnit­tkes stil­prä­gende Idee zu ein­er „Poly­stilis­tik“, in der Alt und Neu nebeneinan­der Platz haben, Kom­plex­es und Sim­ples, Hochste­hen­des und Triv­iales, aus genau dieser Arbeitssi­t­u­a­tion her­aus ent­standen ist.
Höchst infor­ma­tiv ist es, wenn man in ein­er CD-Rei­he, die beim Label Capric­cio erscheint, eine Auswahl von Film­musiken Alfred Schnit­tkes ken­nen ler­nen kann. Frank Stro­bel, der in den Ein­spielun­gen das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin leit­et, war noch per­sön­lich mit Alfred Schnit­tke bekan­nt und erhielt von diesem das Bear­beit­er­recht für seine Filmkom­po­si­tio­nen. Die zweite CD dieser auf weit­eren Zuwachs angelegten Edi­tion präsen­tiert Auss­chnitte aus stilis­tisch recht uner­schiedlichen Musiken zu vier zwis­chen 1968 und 1976 erschiene­nen Fil­men. Zu Clowns und Kinder von Alexan­der Mit­ta und Der Walz­er von Vik­tor Titow schrieb Schnit­tke sujet­be­zo­gen eine heit­ere, leichte, von direk­ten Zitat­en und Stilkopi­en durch­zo­gene, tradierte Tanzcharak­tere fan­tasievoll auf­greifende Musik, nutzte aber auch die Möglichkeit, in einem „Die Fab­rik“ über­schriebe­nen Abschnitt auf den Spuren von Mossolows früh-sow­jetis­ch­er Eisen­gießerei avanciert­ere Kun­st­mit­tel zu benutzen.
Noch pro­gres­siv­er ist Schnit­tkes Musik zum Zeichen­trick­film Die Glashar­moni­ka von Andrei Chrschanows­ki. Um das B‑A-C-H-Motiv herum entwick­elt der Kom­pon­ist eine sur­re­al­is­tis­che Musik, die mit Col­lagetech­niken und Ver­frem­dun­gen arbeit­et. Und auch im Kriegs­film Der Auf­stieg von Laris­sa Schep­itko gibt es neben pathetis­chen Tönen einen Abschnitt aus fast geräuschhaft geschichteten Klangflächen.
Wohin diese Voraus­set­zun­gen später stilis­tisch geführt haben, lässt sich in Schnit­tkes Klavier­trio hören, das auf ein­er anderen CD-Neu­veröf­fentlichung zusam­men mit den bei­den Klavier­trios von Mauri­cio Kagel durch das Liszt-Trio aus Weimar einge­spielt wurde. Verblüf­fend schlicht und ger­adezu nos­tal­gisch klingt auf weit­en Streck­en dieses Klavier­trio von 1992 (eine Umar­beitung von Schnit­tkes 1985 ent­standen­em Stre­ichtrio). Ver­gan­gene Schön­heit erscheint als Rem­i­niszenz, doch haben sich in sie dis­so­nante Töne, quer­ste­hende Har­monien und falsche Pro­gres­sio­nen wie eine Säure hineinge­fressen. Der auto­bi­ografis­che Anlass der Kom­po­si­tion ist bekan­nt: Sie ist Rück­erin­nerung an Schnit­tkes schwere Herzkrankheit, die ihn zwis­chen Tod und Leben schweben ließ. Das musikalis­che Mot­to, mit dem das Werk anhebt, erweist sich bei genauem Hin­hören als ver­fremdetes Zitat, näm­lich als melodisch abgeän­dertes, in Moll ver­set­ztes Hap­py Birth­day to you: Aus­druck der Dankbarkeit für die ges­tun­dete Zeit an der Schwelle des Todes.
Als Brud­er im Geiste und doch mit anderen Akzen­ten näherte sich Mauri­cio Kagel in seinen bei­den Klavier­trios „in leis­er Ehrfurcht“ der Gat­tung. In bei­den Werken wer­den vielfältigere und raf­finiert­ere klan­gliche und spiel­tech­nis­che Mit­tel einge­set­zt als in Schnit­tkes Werk, und mag auch Kagels Musik­sprache aus dem Fun­dus des 19. Jahrhun­derts zitieren, so ist doch ihre Syn­tax von heute. Nicht zulet­zt hebt sich auch die Ästhetik bei­der Kom­pon­is­ten voneinan­der ab: Nicht wehmütig klin­gen die Erin­nerungsreste bei Kagel, son­dern eher wie Klopfze­ichen von Pol­ter­geis­tern, die aus der Ver­gan­gen­heit ins Jet­zt herüber­spuken.
Ger­hard Dietel