Brusatti, Otto

Fest auf A.

Ein Franz-Schubert-Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Mitteldeutscher Verlag, Halle 2013
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 63

Der erste Ein­druck täuscht, das unauf­fäl­lige Buch mit gängigem Schu­bert-Porträt obe­nauf ist nicht der zu erwartende Roman zwis­chen Sach­buch und roman­tisch gefärbter Kün­stler­bi­ografie. Anstatt uns ins 19. Jahrhun­dert zu ent­führen, hält uns der Autor mit vie­len banalen All­t­ags­de­tails in der Gegen­wart fest.
Auf Schloss A. ver­sam­melt sich eine bessere Gesellschaft zum Tafeln und Auss­chweifen am Woch­enende, man reist mit dem Auto an. Unter den Gästen befind­et sich auch Franz Schu­bert; er sagt nicht viel und hält sich eher abseits, aber seine Anwe­sen­heit soll die Ver­anstal­tung kul­turell aufw­erten, es ste­ht in Aus­sicht, dass er musizieren wird. Zwis­chen Sauna, Spaziergän­gen und Fußball­spie­len debat­tiert man typ­is­che, die Gemüter der heuti­gen Wohl­standswelt erhitzende The­men von Abtrei­bung über die all­ge­meine Igno­ranz angesichts dro­hen­der Katas­tro­phen bis hin zur Ver­ant­wor­tung der Gesellschaft für soge­nan­nte Sozialschmarotzer, z.B. Kün­stler. Ohne ver­mit­tel­nde Zwis­chen­pas­sagen schraubt der an vie­len Stellen drehbuchar­tige Text Wort­mel­dun­gen hin­tere­inan­der, die einen Diskurs zum jew­eili­gen The­ma erste­hen lassen, ohne dabei Indi­viduen zu zeich­nen.
Das Pro­vokante an diesem Kom­pon­is­ten­ro­man liegt aber vor allem in der Abwe­sen­heit sein­er Titelfig­ur. Der Autor spielt mit der Erwartung des Lesers an einen nicht greif­baren Schu­bert, der nur sel­ten, in weni­gen Szenen ins Bild geset­zt wird.
Tat­säch­lich gibt es für die Feier­lichkeit im Roman ein reales Vor­bild: eine gle­ich mehrere Wochen andauernde Gesellschaft auf Gut Atzen­brugg in der Nähe von Wien 1821. Der Ver­wal­ter des Schloss­es, Joseph Derf­fel, hat­te seinen Nef­fen Franz von Schober und dessen Fre­un­deskreis, darunter auch Schu­bert, dor­thin ein­ge­laden. So beruht der Per­so­n­enkreis des Romans neben anderen Details auf genauer Recherche des Autors, was dem Ken­ner beim Ent­deck­en Vergnü­gen bere­it­et.
Es wird viel unter­halt­same Musik gehört auf Schloss A. – vor allem Musik, die weit nach Schu­berts Lebzeit­en ent­standen ist. Immer wieder bauen sich so virtuelle Span­nun­gen zwis­chen Ein­drück­en Schubert’scher Musik und mod­er­nen Klän­gen aus der Kon­serve auf. In der Sauna hören die Schloss­gäste in aufge­heizter Stim­mung Rav­els Boléro, ander­swo Musik von James Last oder den Bea­t­les. Sehn­lich erwartet wird der Augen­blick, an dem Schu­bert endlich seine Musik vorträgt. Gespielt wird sein Quin­tett für Klavier, Vio­line, Vio­la, Cel­lo, Klar­inette – nach lan­gen Beschrei­bun­gen des Stücks gibt es auf Seite 158 sog­ar noch einen kleinen Schnipsel aus dem Manuskript (im 5/4‑Takt!), der jedoch den Autor des Romans als tat­säch­lichen Urhe­ber dieser für den Leser imag­inierten Musik ver­rät.
Otto Brusat­ti, Jahrgang 1948, langjähriger Redak­teur von Kul­tursendun­gen im öster­re­ichis­chen Rund­funk, ist bere­its mit mehreren bel­letris­tis­chen Pub­lika­tio­nen her­vor­ge­treten. Fest auf A. ist orig­inell in Idee und Form und gespickt mit lit­er­arischen und musikalis­chen Anspielun­gen für Insid­er. Ein exper­i­menteller Roman in seinem Genre, nur über Schu­bert erfährt man nicht allzu viel.
Anja Kleinmichel