Peter Gülke

Felix Mendelssohn Bartholdy

„Der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut“

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 60

Der Diri­gent und Musik­wis­senschaftler Peter Gülke – ein­er der ganz weni­gen, die Prax­is und Wis­senschaft auf gle­icher­maßen aus­geze­ich­netem Niveau betrieben und betreiben – deckt mit seinen Pub­lika­tio­nen ein bre­ites Spek­trum an The­men ab, das vom Mit­te­lal­ter bis in die Gegen­wart reicht. Ein, wenn nicht der Schw­er­punkt sein­er wis­senschaftlichen und edi­torischen Arbeit ist die Roman­tik. Seine Aus­gabe und Ein­spielung der späten Schu­bert-Sym­phonien­frag­mente ist eben­so eine epochale Leis­tung wie sein Buch Schu­bert und seine Zeit in der Mono­grafien-Rei­he im Laaber-Ver­lag über große Kom­pon­is­ten.
…und seine Zeit, der hier­bei vorgegebene Titel ist bei Gülke fast immer Pro­gramm, denn so genau und dif­feren­ziert seine Analy­sen der Noten­texte stets sind, sein Blick ist in jedem Fall geweit­et auf die gesellschaftlichen Rah­menbe­din­gun­gen, in denen Musik entste­ht, und auch auf die per­sön­liche Ver­fas­sung ihrer Schöpfer.
Das gilt auch für das neue Buch Peter Gülkes, das eben auch einem Roman­tik­er gewid­met ist: Felix Mendelssohn Bartholdy. Und das Wort Zeit als his­torisch­er Begriff taucht auch hier im Unter­ti­tel auf: „Der die Wider­sprüche der Zeit am klarsten durch­schaut“. Der Satz stammt von Robert Schu­mann und lautet kom­plett: „Er ist der Mozart des 19. Jahrhun­derts, der hell­ste Musik­er, der die Wider­sprüche der Zeit am klarsten durch­schaut und zuerst ver­söh­nt.“ Der Unter­ti­tel mit dem absichtlich verkürzten Schu­mann-Zitat ist sehr tre­f­fend für die Grun­daus­sage des Buchs. Gülke ­beg­ibt sich auf die Suche nach den Wider­sprüchen, salopp gesagt den Wider­hak­en in der Musik Mendelssohns – und er the­ma­tisiert, ja prob­lema­tisiert viele Aspek­te aus dem Leben des ver­meintlichen Göt­ter­lieblings und Wun­derkinds. Ins­beson­dere Mendelssohn als Jude, der zum Protes­tantismus kon­vertiert ist und immer wieder anti­semi­tis­chen Anfein­dun­gen aus­ge­set­zt war, ste­ht im Zen­trum zahlre­ich­er Über­legun­gen.
In seinen tief ins Detail gehen­den Analy­sen einzel­ner Werke Mendelssohns ent­deckt Gülke viele Momente, in denen unter ein­er ver­meintlich vol­len­de­ten und gefäl­li­gen Ober­fläche Brüche und mehr erah­nte als bewusst gemachte Katas­tro­phen erkennbar sind.
Und darin liegt denn auch der große Wert des Buchs: Es wirft einen neuen und sub­stanziellen Blick auf einen Kom­pon­is­ten, der erst recht nach sein­er Ver­fe­mu­ng in der NS-Zeit wie kaum ein ander­er mit zweifel­haften Klis­chees bedacht wurde und noch immer nicht in sein­er wahren Bedeu­tung erkan­nt und durch­schaut ist. „Beim Ver­such, in Mendelssohn Musik möglichst tief hineinzuhören, riskieren wir, ihn anders zu ver­ste­hen, als er ver­standen sein wollte“, das ist der let­zte Satz von Gülkes Text. Eine dur­chaus ver­störende Aus­sage, aber so ist das ganze Buch. Ver­störend, aber in einem höchst pos­i­tiv­en Sinn, denn der Band wirft wichtige Fra­gen auf und bietet span­nende Ansätze zu ein­er angemesse­nen Deu­tung des Kom­pon­is­ten. Mehr Mendelssohn: Dazu liefert Gülke einen gewichti­gen Beitrag.
Karl Georg Berg