Klein, Hans-Günter (Hg.)

Felix Mendelssohn Bartholdy

Ein Almanach

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Leipzig 2008
erschienen in: das Orchester 07-08/2009 , Seite 62

Rechtzeit­ig zum Mendelssohn-Jubiläum­s­jahr hat Hans-Gün­ter Klein, langjähriger Leit­er des Mendelssohn-Archivs der Berlin­er Staats­bib­lio­thek und Edi­tor zahlre­ich­er Stu­di­en zu Leben und Werk des Kom­pon­is­ten, einen schön gestal­teten und sehr ansprechend gedruck­ten Almanach her­aus­gegeben. Zu jedem Tag des Jahres wird ein zumeist beziehungsre­ich­es Doku­ment von oder über den jüdis­chen Musen­sohn wiedergegeben, wobei die äußerst vielfältige Auswahl an Quellen manche Ent­deck­ung bere­i­thält, ohne auf Wesentlich­es zu verzicht­en.
Dadurch, dass Briefauszüge, hand­schriftliche Textdoku­mente, Note­nau­to­grafe und gedruck­te Texte der Zeit datums­ge­bun­den veröf­fentlicht wer­den, entste­ht ein immer wieder reizvoll unge­ord­netes Bild von Mendelssohns Leben und Schaf­fen, das zum ziel­losen Stöbern eben­so ein­lädt wie zum sys­tem­a­tis­cheren Durch­se­hen einzel­ner The­men­stränge. So wie Porträts der einzel­nen Fam­i­lien­mit­glieder näm­lich jew­eils unter dem Geburts­da­tum zu find­en sind, sind auch manche Bilder, nicht nur von dem tal­en­tierten Kom­pon­is­ten selb­st, son­dern vielfach auch vom Schwa­ger Wil­helm Hensel gemalt, einzel­nen Inhal­ten der Texte zuge­ord­net, etwa den Ital­ien- und Eng­lan­dreisen oder den ver­schiede­nen Lebenssta­tio­nen.
Mitunter steuert der Her­aus­ge­ber auch selb­st einen Beitrag über die Fam­i­lien­mit­glieder bei, z.B. über den Vater Abra­ham. Knappe, aber ken­nt­nis­re­iche ein­lei­t­ende Kom­mentare helfen weit­ge­hend, den Kon­text der wech­sel­nden The­men und Doku­mentsorten richtig einzuschätzen. Manch­mal fol­gt die Auf­schlüs­selung von Per­so­n­en allerd­ings erst an später­er Stelle inner­halb des Kalen­dar­i­ums und vere­inzelt bleiben Tex­tin­halte und altertüm­liche For­mulierun­gen noch erläuterungs­bedürftig. Auch verzichtet Klein vielfach darauf, die weniger bekan­nten Autoren der ver­schiede­nen Erin­nerungss­chriften über Mendelssohn vorzustellen, obwohl ihr Ver­hält­nis zum Kom­pon­is­ten ja mitunter wichtig zu ken­nen wäre für eine kor­rek­te Ein­schätzung ihrer Äußerun­gen.
Für den weit­erge­hend Inter­essierten hält der Almanach allerd­ings ein wirk­lich beein­druck­endes Quel­len­verze­ich­nis vor, das den Band neb­st Kurzchronolo­gie, Per­so­n­en, Orts‑, Werk- und Sachreg­is­ter sehr benutzer­fre­undlich ergänzt. Auch wiegen die vorge­bracht­en kleineren Ein­wände leicht gegen den ästhetis­chen und Erken­nt­nis­gewinn ein­er solchen aus der Fülle der Ken­ner­schaft des Her­aus­ge­bers schöpfend­en Zusam­men­stel­lung. Dass man sich nach der Lek­türe von einzel­nen Briefen oder Konz­ert­pro­gram­men – über die schon konzep­tionell vorhan­de­nen ver­steck­ten und offe­nen Bezüge hin­aus – immer wieder ein­mal wün­scht, auch noch die Briefant­wort bzw. die passende Urauf­führungsrezen­sion zu lesen, ist ja nicht das Schlecht­este, was man über diesen immer aufs Neue zur Lek­türe ver­lock­enden Almanach sagen kann.
Jörg Rothkamm