Schnittke, Alfred / Johann Sebastian Bach/Anton Webern / Johann Sebastian Bach

Faust Cantata / Ricercata / Chorales

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics 0017762BC
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 72

Mit dem Livemitschnitt seines Antrittskonz­erts bei den Ham­burg­er Sym­phonikern im Okto­ber 2004, das nun bei Berlin Clas­sics als CD erschienen ist, gibt Andrey Boreyko eine ehrgeizige Vis­itenkarte ab. Sie lässt darauf schließen, dass Boreyko auch in Zukun­ft auf bewährte Kräfte set­zt, aber auch Pro­gram­m­ex­per­i­mente und ‑über­raschun­gen nicht scheut.
Das Hauptwerk der CD, die 30-minütige Kan­tate Seid nüchtern und wachet von Alfred Schnit­tke (1983 uraufge­führt), ist eine „Sin­gle-Auskop­pelung“ der 1995 in Ham­burg an der Staat­sop­er uraufge­führten Faust-Oper, an der Schnit­tke fast 20 Jahre gear­beit­et hat­te. Im Gegen­satz zur Oper ist diese Kan­tate the­ma­tisch sehr konzen­tri­ert, dadurch inten­siv, aber eben ger­ade noch mit Ohr und Hirn aufnehm­bar. Der Auss­chnitt aus der Oper beschränkt sich auf einen wichti­gen Aspekt der Faust-Geschichte und kommt mit musikalisch homo­generen Massen aus als die musikalisch immens viel­seit­ige, abend­fül­lende Oper.
Als Alfred Schnit­tke 1982 im Auf­trag der Wiener Fest­wochen die His­to­ria von Dr. Johann Fausten zum The­ma ein­er Kan­tate wählte, war dies in Zeit­en des Kalten Krieges eine deut­lich poli­tis­che Stel­lung­nahme. Schnit­tke kop­pelt den Unter­gang des zauber­mächti­gen Intellek­tuellen mit ein­er Stelle aus dem 1. Petrus-Brief im Neuen Tes­ta­ment: „Seid nüchtern und wachet, denn euer Wider­sach­er, der Teufel, geht umher wie ein brül­len­der Löwe und suchet welchen er ver­schlinge.“ Diese Mah­nung bekommt heute im Zeichen ein­er weltweit­en Glob­al­isierung ein anderes Vorze­ichen.
Im Livemitschnitt überzeu­gen die kraftvollen und aus­drucksstarken jun­gen Stim­men von Mari­na Pru­den­ska­ja als abgründi­ge Mephostophi­la, des Bre­mer Matthias Koch als ein­schme­ichel­nder, ver­führen­der Mephostophiles und des jun­gen Brit­ten Justin Laven­der als Erzäh­ler. Der ges­tandene, bayreuth-erprobte Opern­rou­tinier Andreas Schmidt trägt als Faust die Kan­tat­en-Hand­lung. Der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor bürgt unter Jür­gen Schulz für Bril­lanz und die nötige Schroffheit und Lebendigkeit.
Sehr passend rahmt Boreyko das kraftvolle wie kraftzehrende Opus mit Bach-Chorälen und schließt Weberns Fuga (Ricer­car) à 6 voci aus Bachs Musikalis­chem Opfer an. Nach der die Möglichkeit­en ein­er CD fast spren­gen­den dynamis­chen Band­bre­ite des Schnit­tke-Werks lässt die kam­mer­musikalisch ruhige und zart und ger­adezu lieblich inter­pretierte Webern’sche Bach-Vari­ante dem Hör­er viel Raum, die Energie des ersten Konz­ert­teils zu reflek­tieren.
Katha­ri­na Hofmann