Widmann, Jörg

Fantasie

für Klarinette in B solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2005
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 81

Jörg Wid­manns erstes veröf­fentlicht­es Opus ist seinem eige­nen Instru­ment, das er als konz­ertieren­der Solist exzel­lent beherrscht, gewid­met. Die Fan­tasie für Klar­inette solo von 1993 ist das Werk des Zwanzigjähri­gen, der darin seinem Instru­ment alles gibt und abver­langt, wozu es fähig ist, ohne dabei die natür­liche Klangerzeu­gung in Frage zu stellen. Geräuschhaftes wie in den vier Jahre später ent­stande­nen Fünf Bruch­stück­en für Klar­inette und Klavier wird hier noch sehr sparsam ver­wen­det.
Ein­fall­sre­ich ist der Beginn der sieben­minüti­gen Fan­tasie: Ein Mul­ti­phon­ic-Klang, der als Dom­i­nantsept­non­akko­rd auf F erklingt, wird unmit­tel­bar in ein nor­mal klin­gen­des Arpeg­gio auf gle­ich­er har­monis­ch­er Basis überge­führt. Dieses Aus­gangs­ma­te­r­i­al mit seinen tonalen Rem­i­niszen­zen wird ent­fal­tet und ist auch für die For­mgestal­tung der Fan­tasie auss­chlaggebend. Im weit­eren Ver­lauf ver­lieren sich die tonalen Ele­mente. Glis­san­di in zumeist höch­ster Lage sind ein anderes dom­i­nantes Gestal­tungsmerk­mal.
Die Kom­po­si­tion lebt von einem auf eng­stem Raum stat­tfind­en­den Charak­ter­wech­sel. Die Motivik ist so markant, dass sich der Aus­druck­swert unmit­tel­bar erschließt und nur sel­ten benan­nt wird (alpen­ländisch, tänz­erisch, grotesk, komisch). Auch rhyth­misch hat die Musik ein aus­geprägtes Pro­fil. Ins­ge­samt sprüht die Fan­tasie vor Spiel­witz und lässt den buf­fonesken Charak­ter der Klar­inette in vielfältig­sten Schat­tierun­gen erscheinen.
Nicht viele Solostücke für Klar­inette haben so unver­wech­sel­bare Kon­turen wie Jörg Wid­manns Fan­tasie. Sie ist eine Her­aus­forderung für jeden vir­tu­osen Inter­pre­ten, aber trotz aller tech­nis­chen Ansprüche ist es eine gut zu bewälti­gende Auf­gabe, denn als Klar­inet­tist hat Wid­mann ein Werk für die Klar­inette geschrieben. Mit sein­er ganz per­sön­lichen Liebe­serk­lärung an die Klar­inette ist ihm eines der orig­inell­sten und beein­druck­end­sten Solostücke für dieses Instru­ment geglückt.
Herib­ert Haase