Pasculli, Antonio

Fantasia Italiana

Opera Fantasies for Oboe and Orchestra

Rubrik: CDs
Verlag/Label: EMI 0946 3 79944 2 9
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 81

Es gibt einen Franz Liszt der Oboe! Er heißt Anto­nio Pas­cul­li, lebte von 1842 bis 1924 und
bereiste bere­its mit 14 Jahren als Oboen­wun­derkind Ital­ien, Deutsch­land und Öster­re­ich, bevor er mit 18 Jahren Pro­fes­sor für Oboe und Englis­chhorn am Kon­ser­va­to­ri­um sein­er Geburtsstadt Paler­mo wurde.
Mit Liszt hat er nicht nur das Vir­tu­osen­tum gemein­sam; wie jen­er schrieb er auch eine Rei­he von Opern­para­phrasen. Eine Gat­tung, in der Liszt unbe­strit­ten­er Meis­ter der Klavierkom­po­si­tion war, die aber auch mit Werken für Vio­line u.a. von Pagani­ni, Sarasate oder Wieni­aws­ki bedacht wurde, war durch Pas­cul­li nun auch für die Oboe ent­deckt wor­den.
Ganz unbekan­nt war Pas­cul­li in Oboenkreisen freilich auch vor Veröf­fentlichung dieser CD nicht. Taucht doch gele­gentlich sein Omag­gio a Belli­ni sog­ar als Pflicht­stück für Englis­chhorn-Probe­spiele auf. Christoph Hart­mann, Oboist bei den Berlin­er Phil­har­monikern, hat nun in der Bib­lio­thek des Kon­ser­va­to­ri­ums von Paler­mo weit­ere Orig­i­nal­hand­schriften Pas­cullis gefun­den und durch seine Ein­spielung diese Werke der Vergessen­heit entris­sen.
Und es hat sich gelohnt. Die auf der CD enthal­te­nen Fan­tasien über fünf Ver­di-Opern sowie Donizettis Poli­u­to sprühen nur so vor Vir­tu­osität. Christoph Hart­mann inter­pretiert die Stücke mit viel Ein­füh­lungsver­mö­gen und stu­pen­der Tech­nik. Dabei kann er alle Reg­is­ter sein­er Kun­st ziehen: Während in der einen Para­phrase durch häu­fige extrem schnelle Lagen­wech­sel der Ein­druck von Zweis­tim­migkeit entste­ht, dominieren in ein­er anderen (Un bal­lo in maschera mit Englis­chhorn) lyrisch-elegis­che Melo­di­en, bei denen aus­nahm­sweise nicht die Vir­tu­osität im Vorder­grund ste­ht.
Für den Opern­fre­und ist es inter­es­sant, welche Melo­di­en Pas­cul­li aus den jew­eili­gen Ver­di-Opern für seine Para­phrasen aus­gewählt bzw. eben nicht aus­gewählt hat. Es han­delt sich bei den einzel­nen Werken näm­lich nicht um ein Pot­pour­ri der beliebtesten Melo­di­en ein­er Oper, son­dern um Aus­gestal­tun­gen von nur weni­gen The­men. Und so kommt es eben, dass man bei Rigo­let­to vergebens auf La don­na è mobile wartet oder bei Trova­tore auf die Stret­ta des Man­ri­co. Dafür ist man dann über­rascht, dass bei den Sim­pati­ci ricor­di del­la Travi­a­ta, den „liebenswerten Erin­nerun­gen an Travi­a­ta“, im Ver­lauf von Pas­cullis Bear­beitung zwei höchst unter­schiedliche The­men übere­inan­der gelagert gle­ichzeit­ig erklin­gen.
Die meis­ten der hier einge­spiel­ten Werke lagen von Pas­cul­li nur in Fas­sun­gen für Oboe und Klavier vor. Wolf­gang Renz, sel­ber Oboist, hat sie mit sicherem stilis­tis­chen Gespür in Anlehnung an Ver­di orchestri­ert, und die Augs­burg­er Phil­har­moniker unter der Leitung von Rudolf Piehlmay­er sind bei dieser in ansprechen­dem Klang­bild erschiene­nen Auf­nahme ein stets sou­verän­er Part­ner des Vir­tu­osen Christoph Hart­mann.
Thomas Lang