Waterhouse, William

Fagott

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2006
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 80

Das fehlte wirk­lich noch! Das Fagott ist zwar wed­er mit musikalis­chen noch mit wis­senschaftlichen Edi­tio­nen ver­wöh­nt, den­noch gab es in den ver­gan­genen Jahren einiges an lesenswerten Neu­veröf­fentlichun­gen aus der Fed­er von Fagot­tis­ten. Fagott-Mono­grafien allerd­ings gab es nur auf Englisch. Nun liegt die deutsche Über­set­zung des Buchs Bas­soon von William Water­house (2003) durch Klaus Gillessen vor, ein umfassendes Fagot­tbuch nicht nur für Fagot­tis­ten: Ger­ade die oft instru­mentenkundlich nicht beson­ders gut informierten Diri­gen­ten (jüng­stes Erleb­nis: ein junger Diri­gent fragte, ob die für Rhein­gold mit A‑Stürze aus­ges­tat­teten Fagotte nun transponieren müssten) kön­nen hier Wis­senswertes erfahren.
Water­house lässt kein rel­e­vantes The­ma aus, wobei er fast jedes Kapi­tel in eine the­o­retis­che Ein­führung und eine prak­tis­che Anleitung unterteilt. Wir erfahren Bekan­ntes und auch gän­zlich Unge­wohntes über die geschichtliche Entwick­lung mit beson­der­er Berück­sich­ti­gung des franzö­sis­chen bas­son („noch viel mit dem frühen Fagott gemein­sam“) sowie von Instru­ment und Zube­hör („wie bei einem Auto ist es sin­nvoll, einen Experten einzuschal­ten“). Dann geht Water­house aus­giebig auf das eigentliche Fagottspie­len ein mit allen bläserischen Para­me­tern wie Ansatz, Atmung, Akustik, Inter­pre­ta­tion, Ton, Vibra­to und Fin­gertech­nik. Hier find­et man ungewöhn­liche Tipps und Tricks wie die Empfehlung, bei Ermü­den des Ansatzes durch Han­dau­fle­gen die erschlafften Muskeln wieder zu beleben, und her­rliche Meta­phern, z.B. bei der unter­schiedlichen Behand­lung des Abschlusses eines Tons mit oder ohne Zunge („sauber abschnei­den, als wäre er eine Scheibe Sala­mi“ con­tra „abster­ben lassen wie ein Kome­ten­schweif“).
Doch auch Gewöh­nungs­bedürftiges, Skur­riles find­et sich wie das Mit­führen ein­er Stopf­nadel zum Ent­fer­nen „über­mäßiger Ansamm­lung von Speis­er­esten“ im Rohr. Hier gibt es hygien­is­chere und appeti­tlichere Meth­o­d­en. Auch der Tipp, für „eine per­fek­te Dich­tung zwis­chen Rohr und S‑Bogen das Ende mit ein­er Wick­lung aus einge­fet­tetem Faden zu verse­hen“, dürfte kaum auf Gegen­liebe stoßen. Und was Water­house als ent­behrliche Extras beze­ich­net, ist inzwis­chen solch selb­stver­ständlich­er Stan­dard (Rollen, Hoch-D-Klappe, As-B-Triller u.v.m.), dass man sich bei der Lek­türe manch­mal in alte Zeit­en ver­set­zt fühlt.
Auch Kri­tis­ches und Nach­den­klich­es fehlt nicht, beson­ders zum Hochschul­we­sen, wobei „Kon­ser­va­to­ri­um“ jew­eils für Musikhochschule ste­ht. Er weist auf die haup­tamtlichen Pro­fes­soren hin, die nie eine Orch­ester­stelle innehat­ten. „Noch schlim­mer ist es, wenn die Auswahl des Lehrers wegen des Rufs als Musik­er statt auf Grund nachgewiesen­er päd­a­gogis­ch­er Fähigkeit­en getrof­fen wor­den ist.“ Solch mah­nende Stimme aus berufen­em Munde tut unserem Hochschul­sys­tem gut.
Was beim Lesen einen etwas merk­würdi­gen Beigeschmack hin­ter­lässt, ist die deutsche Dik­tion. Klaus Gillessen über­set­zt zu häu­fig Wort für Wort, sodass man ständi­ge über Anglizis­men stolpert. Ist es sin­nvoll, „leak fac­tor“ mit dem physikalis­chen Fachter­mi­nus „Leck­rate“ anstatt ein­fach mit „Undichtigkeit“ zu über­set­zen oder den Vor­sprung am Flügel („pro­trud­ing shoul­der“) mit „vorste­hen­der Schul­ter“? Trotz des vorhan­de­nen Namensin­dex würde man sich für die Über­sichtlichkeit eine Her­vorhe­bung (Kapitälchen oder Kur­siv­druck) der dankenswert­er­weise zahlre­ichen Eigen­na­men wün­schen. Da das Buch auf große Streck­en auch ein Übe­heft ist, erweist sich das Taschen­buch­for­mat als hin­der­lich: Die Noten­beispiele sind winzig und das Buch klappt einem auf dem Noten­pult ständig zu.
Nichts­destotrotz: Ob als Nach­schlagew­erk, Übean­leitung oder als Lek­türe ist das Buch eine ganz wesentliche Bere­icherung der schmalen fagot­tis­tis­chen Lit­er­atur.
Stephan Weidauer