Werke von Ludwig van Beethoven und Rudolf Kelterborn

Face2Face

String Quartet No. 6/String Quartet in B-Flat Major No. 6 op. 18/String Quartet in E-Flat Major „Harp Quartet“ op. 74 Amaryllis Quartett

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 5/2026 , Seite 79

Ein lebendiger Dialog zwischen Epochen und Stilen steht im Mittelpunkt dieser zweiten CD der „Face2Face“-Reihe des Amaryllis Quartetts. Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens widmet sich das Ensemble erneut Ludwig van Beethoven. Es stellt ihm das vielschichtige Schaffen des Schweizer Komponisten Rudolf Kelterborn gegenüber, der ein musikalischer Universalist war. Er wirkte als Komponist, Dirigent, Musikpädagoge, Musikwissenschaftler und Musikjournalist und er war geprägt von der Zweiten Wiener Schule, über die Avantgarde bis hin zu postmodernen Ansätzen. Eine nuancierte Klangsprache und tiefer Ausdruckswille prägen seine Kompositionen. Das Amaryllis Quartett hat zu Kelterborn eine besondere Beziehung. Dies gilt nicht nur für die Schweiz als gemeinsamer geografischer Bezugspunkt, sondern auch für eine geplante – und durch seinen Tod nicht mehr zustande gekommene – Zusammenarbeit. Kelterborns virtuoses 6. Streichquartett aus dem Jahre 2001 beeindruckt durch seine energetische Anlage, ungewöhnliche Spieltechniken und einen dramaturgisc­h dichten Aufbau. Die Solo-Kadenz der ersten Violine gleich zu Beginn führt den Hörer in einen geheimnisvollen musikalischen Sog. Es folgen expressive Ausbrüche bis hin zu Passagen der sphärenhaften Klangflächen voller starker dynamischer Kontraste.
Auffallend ist bei dieser Aufnahme vor allem das intensive Zusammenspiel, das serielle Verfahren und eine eng begrenzte Aleatorik in den Mittelpunkt rückt. Meditative Verhaltenheit und dramatische Expressivität stehen so dicht beieinander. Akustische Distanziertheit wechselt sich mit elementarer Direktheit ab. Darin trifft sich Kelterborn mit Beethoven, von dem auf dieser Aufnahme das Streichquartett in B-Dur op. 18/6 sowie das Es-Dur-Quartett op. 74 erklingen. Dass gerade das B-Dur-Quartett deutlich auf das Finale ausgerichtet ist, macht diese zielstrebige Interpretation einmal mehr deutlich. Das musikantische Prinzip des Sonatensatzes wird gleich zu Beginn voll ausgekostet. Der Dialog triumphiert. Der feingliedrige, dreiteilige Liedsatz in Es-Dur wird hier vom Amaryllis Quartett in seiner ganzen Tiefgründigkeit erfasst. Aparte Klangwirkungen kommen nicht zu kurz. Rhythmische Doppeldeutigkeit triumphiert dann im Scherzo, während das Temperament beim Rondo-Finale geradezu ausufert. Insbesondere das Schluss-Prestissimo verläuft rasant, atemlos und voller Grazie. Die langsame Einleitung vor dem Sonatensatz gleich zu Beginn gelingt dem Amaryllis-Quartett durchaus geheimnisvoll, insbesondere die filigrane Polyfonie wird sichtbar. Vibrierende Klangflächen werden von Pizzicato-Effekten durchsetzt, was dem Werk den Beinamen „Harfenquartett“ gab. Hörenswert!
Alexander Walther

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