Prokofjew, Sergej

Eugen Onegin / Pique Dame

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 67149
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 85

Das Jahr 1936 ist für die sow­jetis­che Musikgeschichte ein ein­schnei­den­des: In der Praw­da erschien der Artikel „Chaos und Musik“, in dem Schostakow­itschs Oper Lady Mac­beth For­mal­is­mus vorge­wor­fen wurde. Prokof­jew, der sich am Auf­bau der sow­jetis­chen Musik lei­den­schaftlich beteiligte, wurde im sel­ben Jahr eben­falls Opfer der Zen­sur, allerd­ings nur indi­rekt. Die für das Puschkin-Jubiläum kom­ponierten Musiken zum Schaus­piel Eugen One­gin sowie die Film­musik zu Pique Dame verblieben im Archiv des Kom­pon­is­ten. Den Grund dafür schildert Igor Kazenin im äußerst inter­es­san­ten Book­let, zumin­d­est hin­sichtlich der his­torischen Umstände der „szenis­chen Pro­jek­tion“ von Puschkins One­gin.
An der Musik kann es kaum gele­gen haben, dass die Pro­duk­tio­nen nicht auf- und aus­ge­führt wur­den, denn sie dürften dem Ide­al eines sozial­is­tis­chen Real­is­mus sehr entsprochen haben. Prokof­jew scheint den Musiken einige Bedeu­tung beigemessen zu haben, denn er berück­sichtigte sie mit Opuszahlen (op. 70 und 71).
Die One­gin-Kom­po­si­tion war sang- und klan­g­los vom Erd­bo­den ver­schwun­den. Sie wurde an der „rus­sis­chen Klas­sik“ gemessen und galt als ver­messen. Dabei hat­te Prokof­jew ger­ade Pas­sagen der Dich­tung ver­tont, die bei Tschaikowsky nicht vorkom­men. So hebt die Kom­po­si­tion mit der Szene „Lens­ki am Grab von Lar­in“ an und ent­fal­tet eine wun­der­schöne Melodie, die reizvoll zwis­chen geistlichem Gesang, Volksmelodie und orig­ineller Inter­val­lik chang­iert und das Gefühl von Melan­cholie und Besinnlichem exem­plar­isch umset­zt. Zuerst in der Oboe, dann im Fagott und anschließend in den tiefen Stre­ich­ern intoniert, ent­fal­tet sich eine äußerst intime Far­ben­pracht, die noch durch die Wieder­auf­nahme in der Gesangsstimme inten­siviert wird. Kon­ge­nial ver­weben sich die aus­führen­den Musik­er in die plas­tis­chen Begleit­muster ein­er ver­hal­ten quel­len­den Bewe­gung. Eher über­trieben wirken dage­gen die expres­siv­en Ste­icher­pas­sagen, die die ohne­hin gefüh­lvolle Musik noch überzuck­ern. Ähn­lich­es gilt für die Rez­i­ta­tion von Tat­janas Brief, worin zwar die rus­sis­che Sprache klangvoll strömt, der Ton­fall jedoch von unver­hält­nis­mäßiger Infan­til­ität geziert wird. Der Klavier­auszug in der Bear­beitung von E. Downes ver­mag klan­glich zu überzeu­gen. Unbe­friedi­gend an der Pro­duk­tion ist, dass die Texte nicht orig­i­nal in Rus­sisch abge­druckt sind.
Die One­gin-Musik wurde von Prokof­jew für viele andere Werke „aus­geschlachtet“, u.a. für die Opern Krieg und Frieden und Die Ver­lobung im Kloster sowie für Aschen­put­tel (Ähn­lich­es gilt auch für die Pique Dame, deren Lisa-The­ma in der acht­en Klavier­son­ate und in der fün­ften Sin­fonie wiederkehrt). Und tat­säch­lich beste­ht der spezielle Reiz der Komposition(en) – neben ihrer bestechen­den Schön­heit – in der Ent­deck­ung eines neuen Stan­dorts, als betra­chte man Prokof­jews Garten aus ein­er noch uner­schlosse­nen Per­spek­tive. Hier klin­gen auch bere­its been­dete Kom­po­si­tio­nen nach, wie etwa Romeo und Julia von 1935, das zu diesem Zeit­punkt noch ein völ­liges Schat­ten­da­sein führte.
Stef­fen Schmidt