España

Werke von Chabrier, Turina, Ravel, de Falla, Marquéz und Rodrigo

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Acousence Classics SCO-CD 21610
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 76

In ihren Auf­nah­men wid­met sich die Anhaltische Phil­har­monie Dessau nur sel­ten dem Stan­dard­reper­toire, dafür erfreulich oft regionalen Kom­po­si­tio­nen, etwa von August Klughardt oder Friedrich Schnei­der. Gele­gentlich wer­den auch beson­dere Konz­ertabende mit Gewinn auf CD fest­ge­hal­ten, selb­st wenn sie nicht unmit­tel­bar zum Pro­fil eines mit­teldeutschen Orch­esters zu passen scheinen. Unter dem Titel España hat das Orch­ester des Dessauer The­aters unter Leitung seines ener­gis­chen Gen­eral­musikdi­rek­tors Antony Her­mus nun den Mitschnitt eines Sin­foniekonz­erts mit iberischen Werken veröf­fentlicht.
Vere­int sind darauf zen­trale Werke der spanis­chen Orch­ester­lit­er­atur, von Emmanuel Chabri­er über Joaquín Turi­na, Joaquín Rodri­go, Mau­rice Rav­el und Manuel de Fal­la bis zum Zeitgenossen Arturo Mar­quéz. Gemein­sam sin­gen diese Meis­ter ein Hohes Lied auf die regionale Vielfalt spanis­ch­er (Volks-)Musik. Doch bei aller Ver­gle­ich­barkeit hat natür­lich jedes Stück sein eigenes Gepräge: Die 1883 kom­ponierte España-Rhap­sodie von Emmanuel Chabri­er etwa, einem franzö­sis­chen Spanien-Fanatik­er, gibt sich aufge­dreht und eingängig, her­vor­ra­gend instru­men­tiert, aber wed­er rhyth­misch noch har­monisch beson­ders anspruchsvoll.
Demge­genüber sind die Dan­zas Fan­tas­ti­cas von Joaquín Turi­na und auch die drei Tänze aus dem Bal­lett Der Dreispitz (El som­brero de tres picos) von Manuel de Fal­la (bei­de 1919) deut­lich mehr dem Impres­sion­is­mus verpflichtet – Tongemälde, die bisweilen auch in dun­klen und bedrohlichen Far­ben aufge­tra­gen sind und so dem Geheim­nis ein­er Natur Raum lassen, die sich der Ver­fü­gung des Men­schen entzieht.
Immer wieder über­raschend ist trotz sein­er Berühmtheit das 1939 ent­standene Concier­to de Aran­juez für Gitarre und Orch­ester von Joaquín Rodri­go: natür­lich eine grandiose Hom­mage auf den Fla­men­co, aber zugle­ich eine kün­st­lerische Ver­frem­dung und Ver­feinerung der stolz-her­rischen Gebärde, die man (als ahnungslos­er Deutsch­er) mit dem Fla­men­co in Verbindung bringt. Mar­lon Titre an der Solog­i­tarre und die aufmerk­sam beglei­t­ende Anhaltische Phil­har­monie heben her­vor, wie zart und an sich fre­undlich das Concier­to gewebt ist, der zweite Satz hinge­gen eine atem­ber­aubend schöne Trauerode. Gestampftes Testos­teron find­et sich da kaum.
Durch­weg macht das Dessauer Orch­ester auf dieser Auf­nahme eine gute Fig­ur. Wie es sich in den ver­gan­genen einein­halb Jahren klan­glich entwick­elt hat, ist vielle­icht am besten in Mau­rice Rav­els Orch­ester­lied Alb­o­ra­da del gra­cioso zu hören, das den Inter­pre­ten größte klan­gliche Trans­parenz und Finesse abver­langt. Ganz am Schluss fol­gt dann mit Danzón No. 2 von Arturo Mar­quéz (1994) ein munter­er folk­loris­tisch-jazz­iger Exkurs nach Mexiko.
Die Atmo­sphäre des umjubel­ten Dessauer Konz­ertabends dringt von dieser CD jeden­falls bis ins heimis­che Wohnz­im­mer. Nur die spanis­chen Häp­pchen, die dazu gere­icht wur­den, muss man schon selb­st machen.
Johannes Kil­lyen