Moser, Edda

Ersungenes Glück

Erinnerungen und Gespräche. Aufgezeichnet von Thomas Voigt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Leipzig 2011
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 59

Wenn man die Biografien großer Sänger zur Hand nimmt, lesen sie sich oft so wie das amerikanis­che Märchen „vom Teller­wäsch­er bis zum Mil­lionär“. In Inter­views wer­den gern die großen Sta­tio­nen herun­terge­betet: ein Jahr Prov­inz, dann Staat­sthe­ater, Vorsin­gen bei großen Diri­gen­ten, Met, Scala, Bayreuth, große Kol­le­gen, bedeu­tende Opern­par­tien. So bleiben die Illu­sion des Märchens und der Mythos der Pri­madon­na erhal­ten.
Ganz anders in dem Buch von Edda Moser. Sie beschreibt scho­nungs­los, was weniger bekan­nte Sänger täglich eben­falls erleben: „… eines Tages kam ein Ange­bot für ein Konz­ert in Berlin, mit Clau­dio Abba­do. […] Und da wollte mir der Biele­felder Diri­gent keinen Urlaub geben – wegen ein­er Lusti­gen Witwe, in der ich nur einen Satz zu sagen hat­te! Da ist mir zum ersten Mal der Kra­gen geplatzt: ‚Wenn Sie mich nicht freigeben, verk­lage ich Sie!‘ Zum Glück hat er nachgegeben.“
Moser stellt sich die Frage, was sie so lange in ihrem Weit­erkom­men gehin­dert hat, warum sie so lange auf ein Wun­der gehofft, so spät die Real­ität erkan­nt hat. Ihre ehrliche Antwort: „Es war man­gel­nde Erfahrung, fehlen­des Durch­set­zungsver­mö­gen und – Dummheit.“ Damit begeg­net
sie dem Ver­dacht der­jeni­gen, die annehmen, dass eine solche Kar­riere das reine Glück sein muss, ohne jede Schwierigkeit, mit jed­er Förderung. Sie schildert, wie ihr kurz vor ein­er Pre­miere eine Zweitbe­set­zung vor die Nase geset­zt wer­den soll, nur damit sie die Pre­miere nicht singt; oder wie sie für die Sopran­par­tie ein­er Oper engagiert wird und einige Zeit später erfährt, dass ein­fach eine andere Sän­gerin genom­men wurde – aus welchen Grün­den auch immer. Der Wel­truhm lin­dert diese schmer­zlichen Erfahrun­gen nicht. Auch für berühmte Men­schen sind Intri­gen, Nach­läs­sigkeit­en, Respek­t­losigkeit schw­er zu ertra­gen.
Aber Moser spricht auch über das Ver­hält­nis der Sän­gerin zur Musik, zur Opern­par­tie, zum Lied. Ange­sprochen auf die Zusam­me­nar­beit beim Don Gio­van­ni mit einem bekan­nten Diri­gen­ten sagt sie: „O Gott, […] nein, das ging über­haupt nicht. Weil keine Liebe in ihm war.“ Ein deut­lich­es Wort, inter­es­sant im Zusam­men­hang mit ihrer Auf­fas­sung von Inter­pre­ta­tion. „Ich wage zu behaupten, dass alles, was wir auf der Bühne darstellen, in uns vorhan­den sein muss: das eiskalt Berech­nende der Köni­gin der Nacht genau­so wie die Lebensweisheit und Herzenswärme der Marschallin.“ Bei extremen Charak­teren über­legt sie, was wohl passieren müsste, damit sie sich so ver­hält; auf diese Weise hat sie sich der Lucia, Salome, Elek­tra oder Sen­ta genähert.
Ange­sprochen auf die man­gel­nde Anerken­nung ihrer Leis­tung sagt sie, es liegt daran, dass sie mit Mozart bekan­nt gewor­den ist. „Mozart singt man auf Zehen­spitzen, da kann man sich nicht ein­fach so ver­strö­men wie bei Puc­ci­ni.“ Ihre Schüler kön­nen sich heutzu­tage kaum vorstellen, dass viel, viel Arbeit und eis­erne Diszi­plin die Voraus­set­zung für eine solche Kar­riere sind und bleiben. Ein lesenswertes Buch für alle, die bere­it sind, ihre Illu­sion vom Super­star aufzugeben und die Wirk­lichkeit hin­ter dem Vorhang zu akzep­tieren.
Annette Brunsing