Stiller, Barbara

Erlebnisraum Konzert

Prozesse der Musikvermittlung in Konzerten für Kinder

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Conbrio, Regensburg 2008
erschienen in: das Orchester 09/2008 , Seite 60

Beim Lesen dieses – trotz seines wis­senschaftlich hohen Anspruchs sehr ver­ständlich geschriebe­nen – Buchs spürt man in jed­er Zeile: Die Autorin schreibt über „ihr“ The­ma, für das sie bis ins kle­in­ste Detail einen erfahre­nen Blick hat. Aufge­wor­fene Fragestel­lun­gen und Beobach­tun­gen zeigen, dass sie selb­st als Kün­st­lerin und Päd­a­gogin über jahre­lange Prax­is in der Konz­ert­päd­a­gogik ver­fügt. Dies fließt glück­lich mit ein­er Beherrschung des wis­senschaftlichen Handw­erks zusam­men. Bar­bara Stiller gelingt es, in ihrer Dis­ser­ta­tion einen wis­senschaftlich begrün­de­ten Zugang für die Konzep­tion von Konz­erten für vier- bis sech­sjährige Kinder überzeu­gend darzustellen.
Aus­ge­hend von einem inter­diszi­plinär ver­stande­nen Begriff der Musikver­mit­tlung leit­et sie für die Prax­is umset­zbare Gestal­tungsmöglichkeit­en ab, fasst wesentliche Merk­male von Kinderkonz­erten für diese Alters­gruppe zusam­men und stellt drei The­sen ein­er gelun­genen Musikver­mit­tlung in Konz­erten für Vorschulkinder auf, die dann in einem weit­eren Schritt auf ihre Valid­ität empirisch unter­sucht wer­den. Dafür bedi­ent sie sich ein­er kom­plex­en Meth­o­d­enkom­bi­na­tion aus quan­ti­ta­tiv­en und qual­i­ta­tiv­en Ver­fahren. Als Unter­suchungs­ge­gen­stand dient die Konz­ertrei­he „Con­certi­no Pic­col­i­no“ für Vorschulkinder in Det­mold, die als Einzelfall Mod­ellcharak­ter hat. Ziel ist es, Qual­ität­skri­te­rien ein­er gelun­genen Musikver­mit­tlung für diese Alters­gruppe her­auszuar­beit­en.
Als Instru­men­tar­i­um wird die Splitscreen­analyse benutzt. Mit zwei type­n­gle­ichen Mini-DV-Kam­eras wer­den alle Konz­erte aus immer den gle­ichen Per­spek­tiv­en aufgeze­ich­net: Die eine Kam­era ist auf das Büh­nengeschehen gerichtet, die andere auf das Pub­likum. Dieses in der konz­ert­päd­a­gogis­chen Forschung erst­ma­lig ange­wandte Ver­fahren ermöglicht es der Autorin, als stille, nicht teil­nehmende Beobach­terin in allen unter­sucht­en sechs Konz­erten die jew­eili­gen Aktio­nen und Reak­tio­nen ver­gle­ichend zu analysieren. Das konkrete method­is­che Vorge­hen erfol­gt mit ein­er Sys­tem­atik und tre­ff­sicheren Fragestel­lun­gen, die jed­er Konz­ert­päd­a­goge unbe­d­ingt in sein „Reper­toire“ aufnehmen sollte.
Wer selb­st Konz­ertver­anstal­tun­gen für Vorschulkinder plant, kann an diesem Buch nicht vorüberge­hen! Emp­fohlen sei die Lek­türe jedoch auch den­jeni­gen, die Konz­erte für ältere Kinder pla­nen, erweit­ern doch die zahlre­ichen prak­tis­chen Anre­gun­gen und the­o­retis­chen Reflex­io­nen den Blick und das kri­tis­che Hin­ter­fra­gen des eige­nen Tuns. Es ist zugle­ich ein Plä­doy­er für die Ver­ant­wor­tung der Ver­anstal­ter gegenüber dem Pub­likum.
Ich wün­sche diesem Buch eine bre­ite Leser­schar und vor allem Auswirkun­gen auf die Pro­fes­sion­al­ität von Kinder- und Fam­i­lienkonz­erten!
Ulrike Schwanse