Jolivet, André

Épithalame/Madrigal/Missa Uxor Tua

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Carus CD 83.445
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 76

Das SWR Vokalensem­ble hat bei seinen jüng­sten Ein­spielun­gen einen unge­mein weit­en stilis­tis­chen Radius abgesteckt. Dieser reicht von ein­er „Echo“-preisgekrönten Auf­nahme von Anton Bruck­n­ers e‑Moll-Messe (siehe das Orch­ester 12/08, S. 66) über Chor­w­erke Elliott Carters (das Orch­ester 2/09, S. 67) bis zu ein­er Hom­mage an Robert Schu­mann. Im Schu­mann-Jahr befasst sich das Ensem­ble unter Rupert Huber mit Romanzen und Bal­laden für Chor, wobei neben der her­vor­ra­gen­den sän­gerischen Qual­ität auch die gestal­ter­ische Intel­li­genz der Musik­er anspricht. Neben diesen bei Hänssler Clas­sic vorgelegten CDs hat das SWR Vokalensem­ble Stuttgart mit seinem Leit­er Markus Creed nun eine exzel­lente Ein­spielung von Chor­w­erken von André Jolivet vorgelegt, die die Kom­pe­tenz des her­vor­ra­gen­den Chors im Bere­ich der Musik des 20. Jahrhun­derts unter­stre­icht.
Jolivet wurde 1905 in Paris geboren und arbeit­ete bis 1942 als Lehrer, bevor er als Diri­gent und musikalis­ch­er Berater an die Comédie Française kam. Er gehörte – zusam­men mit Olivi­er Mes­si­aen, Daniel Lesur und Yves Bau­dri­er – der Gruppe „Jeune France“ an. Mit der Vokalpoly­fonie des 15. und 16. Jahrhun­derts wurde er von seinem ersten Lehrer Paul Le Flem bekan­nt gemacht, bei Edgard Varèse erhielt er Ein­blicke in die atonale Musik. 1927 hat­te Jolivet durch einen Besuch Schön­bergs in Paris erst­mals mit ihr Kon­takt gehabt.
Mys­tizis­mus, Offen­heit für alle Strö­mungen der Gegen­wartsmusik bis hin zum Neok­las­sizis­mus, aber auch der Ein­fluss außereu­ropäis­ch­er Musik wie in seinem Klavierzyk­lus Mana prä­gen die stilis­tisch schw­er einzuord­nende Musik des Fran­zosen. Klangsen­si­bil­ität und Durch­hör­barkeit ist sich­er ein Zeichen sein­er Vokalmusik, die ihn im weitesten Sinn in die
Tra­di­tion franzö­sis­ch­er Musik einord­nen lässt und die die drei Kom­po­si­tio­nen für Chor prägt, die auf der CD des SWR Vokalensem­bles Stuttgarts ver­sam­melt sind.
Sinnlichkeit und Religiösität verbinden zwei Kom­po­si­tio­nen, die vom SWR Vokalensem­ble hier mustergültig inter­pretiert wer­den: Épi­thal­ame (Hochzeit­slied) aus dem Jahr 1956 für zwölf­s­tim­miges Vokalorch­ester anlässlich des 20. Hochzeit­stages von Jolivet kom­poniert, und die 1962 anlässlich der Heirat seines Sohnes ent­standene Mis­sa Uxor Tua für fün­f­s­tim­mi­gen gemis­cht­en Chor und Instru­mente. Von den vokalen Glock­enim­i­ta­tio­nen zu Beginn von Épi­thal­ame über ras­ante Reg­is­ter­wech­sel, far­bre­iche Akko­rd­mix­turen und rhyth­mis­che Extrav­a­ganzen wird das SWR-Ensem­ble unter seinem Chefdiri­gen­ten in jedem Moment der Musik gerecht. Hier wird der Chork­lang qua­si sin­fonisch behan­delt, wie es zuvor kaum in der Musikgeschichte gelun­gen ist.
Bei der Mis­sa Uxor Tua ergänzen die Instru­men­tal­is­ten des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart des SWR die vokale Imi­ta­tion orches­traler Far­ben mit ungewöhn­lichen Spiel­tech­niken. Das dre­it­eilige, in freier Atonal­ität gehal­tene Madri­gal für gemis­cht­en Chor und Instru­mente ist eben­falls von ein­er Verquick­ung von Spir­i­tu­al­ität und ero­tis­chem Aus­druck­swillen geprägt, der vom SWR Vokalensem­ble mit großem sinnlichen Reiz und stimmtech­nis­ch­er Per­fek­tion inter­pretiert wird.
Wal­ter Schneckenburger