Bizet, Georges / Jacques Ibert / Jean Françaix / Isaac Albeniz

entr’acte

Kammermusik aus Frankreich und Spanien für Holzbläser und Harfe

Rubrik: CDs
Verlag/Label: www.blaeserquartett.de
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 84

Diese erste CD-Ein­spielung des „ensem­ble diX“ birgt zahlre­iche Über­raschun­gen. Den Namen der For­ma­tion wird man zunächst unwillkür­lich franzö­sisch lesen und an eine zehnköp­fige Musik­er­gruppe denken. Die Benen­nung ent­pup­pt sich jedoch als Rev­erenz gegenüber dem Maler Otto Dix, in dessen Geburtsstadt Gera sich die vier Holzbläs­er zusam­mengeschlossen haben. Fall­weise Erweiterun­gen dieser Kern­gruppe – dies die zweite Über­raschung – um weit­ere Instru­men­tal­is­ten, wie hier um die Har­fenistin Liane Kar­warth, ermöglichen darüber hin­aus ein bre­ites Spek­trum an Orig­i­nal­lit­er­atur und eröff­nen reizvolle klan­gliche Möglichkeit­en für Bear­beitun­gen aus der Fed­er des Klar­inet­tis­ten Hen­drik Schnöke.
Über­raschend ist schließlich auch die Reper­toiregestal­tung unter der the­ma­tis­chen Klam­mer „entr’ acte“. Echte Zwis­chenak­t­musik ist nur zu Beginn vertreten, in den kam­mer­musikalis­chen Bear­beitun­gen der drei Entr’actes aus Georges Bizets Car­men, die zusam­men mit dem so genan­nten „Zige­uner­lied“ aus dem 2. Akt den bei­den erst posthum zusam­mengestell­ten Car­men-Suit­en ent­nom­men sind. Schon hier zeigen sich die Stärken des Ensem­bles: fein­füh­lig aufeinan­der abges­timmtes Musizieren, har­monis­ch­er Gesamtk­lang, bei dem den­noch jedes Instru­ment seine Charak­ter­is­tik genü­gend her­ausstellen kann.
Im Mit­telpunkt der CD ste­ht indes nicht arrang­ierte Büh­nen­musik, son­dern orig­i­nale Kam­mer­musik des in Deutsch­land nur wenig bekan­nten franzö­sis­chen Kom­pon­is­ten Jacques Ibert, eines Zeitgenossen von Honeg­ger, Mil­haud und Poulenc. Ästhetisch jed­er radikalen Avant­garde fern­ste­hend, bewahrte Ibert weit­ge­hend tonale Struk­turen und klaren For­mauf­bau. Und so zeigen sich in den hier präsen­tierten, zwis­chen 1916 und 1935/37 ent­stande­nen Stück­en nur gele­gentlich Mod­ernis­men wie Poly­tonal­ität (Cinq pièces en trio für Oboe, Klar­inette und Fagott) oder damals aktuelle Tanzrhyth­men (Slow­fox im zweit­en der Deux mou­ve­ments für Flöte, Oboe, Klar­inette und Fagott). Als wahre Trou­vaillen erweisen sich die bei­den eingestreuten Har­fen-Stücke (Entr’acte für Flöte und Harfe sowie Scherzet­to für Harfe solo), in denen dieses nur sel­ten in der Kam­mer­musik genutzte Instru­ment die ganze Bre­ite seines Klangspek­trums zeigen kann. Es han­delt sich – und dies gilt auch für das anschließende Bläserquar­tett von Jean Françaix – um Salon­musik im besten Sinne des Wortes: gefäl­lig, aber nie triv­ial, raf­finiert in Rhyth­mik und Melodik, mit teil­weise aparter Har­monik und Kon­tra­punk­tik, aber nie schw­er­fäl­lig, ver­schwom­men oder ver­störend.
Da sich der Titel entr’acte auch als musikalis­che Brücke zwis­chen Frankre­ich und Spanien ver­ste­ht, wer­den die franzö­sis­chen Idiome Iberts und Françaix’ durch iberische Klänge einger­ahmt. Dem Beginn mit der pseu­do-spanis­chen Car­men-Musik set­zt die CD am Ende mit drei Bear­beitun­gen aus der orig­i­nal für Klavier kom­ponierten Suite espag­nole von Isaac Albéniz einen markan­ten Kon­tra­punkt echter spanis­ch­er Folk­lore ent­ge­gen. Von den aus­gewählten Stück­en dürfte Grana­da am bekan­ntesten sein, aber auch die bei­den anderen, Cuba und Aragon, sind nicht weniger ansprechend und charak­ter­is­tisch.
Faz­it: Dem eige­nen Anspruch, eine „Ent­deck­ungsreise in die musikalis­chen Land­schaften zwis­chen Paris und Sevil­la“ (eigen­er Wer­be­text) anzu­bi­eten, wird diese CD mit tech­nisch wie musikalisch sou­verä­nen Solis­ten auf äußerst sym­pa­this­che Weise gerecht und man darf auf weit­ere Ent­deck­un­gen im weit­en Feld der ungewöhn­lichen Klangkom­bi­na­tio­nen ges­pan­nt sein.
Peter Jost