Pintscher, Matthias

en sourdine

Musik für Violine und Orchester, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2003
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 79

Eine Par­ti­tur, die feine Nuan­cen des Klan­glichen anbi­etet und eine bre­ite Palette an Klang­far­ben zeigt. Zwis­chen harten, häm­mern­den und fast unhör­baren, ganz zarten Klän­gen wird auch Vielfalt im dynamis­chen Bere­ich erzielt. Zwis­chen strengem Zeit­maß mit fes­tem Tem­po und fes­tem Metrum und freien Pas­sagen sen­za misura gibt es Übergänge, etwa in der Art, dass Tem­po und Metrum zwar fix­iert, den­noch aber flex­i­bel zu hand­haben sind – an Stellen wie Io stes­so tem­po, ma poco lib­era­mente. sen­za misura oder tem­po gius­to e flessibile. Acceleran­di und Ritar­dan­di sowie zahlre­iche Fer­mat­en von unter­schiedlich­er Dauer tra­gen dazu bei, dass der Orch­esterk­lang beweglich bleibt.
En sour­dine ist Frank-Peter Zim­mer­mann gewid­met. Zunächst mag dieses Werk vielle­icht wie ein Vio­linkonz­ert auftreten. In dieser Musik für Vio­line und Orch­ester aber tritt das konz­ertierende oder konz­erthafte Ele­ment eher zurück; vielmehr scheint es so zu sein, dass das Orch­ester der Solovi­o­line einen Res­o­nanzraum schafft, in dem der Vio­lin­klang weit­er schwingt, in dem andere Klänge nach­schwin­gen und mitschwin­gen. Dies ist z.B. sehr gut an ein­er Stelle zu hören (Takt 267 ff.), an der der Klang der Solovi­o­line zunächst mit Einzelin­stru­menten aus den bei­den Stre­icher­grup­pen, dann mit Einzelin­stru­menten aus den Perkus­sion­s­grup­pen, mit den bei­den Har­fen und Klavieren und anderen Instru­menten aus den Stre­icher­grup­pen in Verbindung tritt. Es entste­ht, hier auch vor allem durch die Spielan­weisun­gen molto flau­ta­to und tas­to, eine traumhafte und irreale Welt (molto irreale – come da lon­tano, molto mis­te­rioso). Solcher­art akustis­che Traumwel­ten wer­den auch an anderen Stellen geschaf­fen; manch­mal nehmen die Instru­mente den Charak­ter von Stim­men an, die flüstern, wis­pern, atmen.
Holz- und Blech­bläs­er sind stark, aber nicht ungewöhn­lich beset­zt (3 Flöten – 2. auch Pic­co­lo, 2 Oboen – 2. auch Englisch Horn, 2 Klar­inet­ten, Bassklar­inette, 2 Fagotte, Kon­trafagott; 4 Hörn­er, 3 Trompe­ten, 3 Posaunen, Kon­tra­basstu­ba). Eine eigene Gruppe bilden vier Schlagzeuger mit einem außergewöhn­lichen und sehr dif­feren­zierten Instru­men­tar­i­um, eine weit­ere Gruppe formiert sich aus zwei Har­fen, zwei Flügeln und wiederum zwei Schlagzeugern; die Stre­ich­er schließlich sind in zwei große Grup­pen eingeteilt, die jew­eils aus acht Vio­li­nen, vier Violen, vier Vio­lon­cel­li und vier Kon­tra­bässen (Fün­f­saiter) beste­hen. Durch das Divisi-Spiel der Stre­ich­er entste­ht eine nuancierte Klan­glichkeit, welche diejenige der Solo-Vio­line gle­ich­sam mul­ti­pliziert.
Das Orch­ester­w­erk, im Auf­trag der Berlin­er Phil­har­moniker kom­poniert, ver­langt dem einzel­nen Spiel­er Präzi­sion ab; Ein­sätze sind sehr genau koor­diniert. An anderen Stellen ist das Zusam­men­spiel los­er, wen­ngle­ich nicht weniger präzise organ­isiert – zu denken ist hier z.B. an die Mobiles im Schlussteil, vari­able Ele­mente, die frei kom­biniert wer­den kön­nen.
Eva-Maria Houben