Schulte im Walde, Christoph

Einsatz ohne weißen Kittel

Ein Besuch bei einem sehr speziellen gesamtdeutschen Orchester

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 34
Im Deutschen Ärzteorchester versammeln sich seit 1989 Medizinerinnen und Mediziner mit einer gemeinsamen Leidenschaft: dem Spielen der großen sinfonischen Musik. Hoch motivierte Menschen setzen ihre Freizeit, ihr eigenes Geld und jede Menge Energie dafür ein – und stellen ihr Engagement schließlich unter den Benefiz-Gedanken.

Der Blick fällt durch raumho­he Glass­cheiben hin­aus auf den Rhein. An seinem Ufer Bäume, die ger­ade ihr let­ztes Laub abw­er­fen – die Sonne scheint und ver­bre­it­et gleißen­des Licht. Markant ragt der Fernse­hturm in den Him­mel, darunter eine der Rhein­brück­en, die den Osten und West­en Düs­sel­dorfs miteinan­der verbinden. Keine Frage, die Jugend­her­berge Düs­sel­dorf (die bess­er und ehrlich­er mit dem Begriff Jugend­ho­tel beschrieben wäre) bietet ihren Besuch­ern und Bewohn­ern an ein­er wun­der­schö­nen exponierten Lage dieses faszinierende Panora­ma. Und wer sich ger­ade im großzügig bemesse­nen Gus­tav-Gründ­gens-Saal der „Her­berge“ aufhält, genießt den eben beschriebe­nen Blick. Wenn dann noch Robert Schu­manns Konz­ert für Vio­lon­cel­lo und Orch­ester erklingt, ver­schmelzen optis­ch­er und akustis­ch­er Ein­druck zu einem run­den Ganzen. Nicht weit ist ja der Weg zu jen­em Palais, in dem Schu­mann mit Frau und Kindern jahre­lang gelebt und gear­beit­et hat.
Doch die Mit­glieder des Deutschen Ärz­teorch­esters sitzen mit dem Rück­en zur Glaswand des über hun­dert Quadrat­meter großen Saals. Ihre Augen zie­len auss­chließlich auf zwei Punk­te: das eigene Noten­pult und den Diri­gen­ten. Konzen­tri­erte Arbeit ist ange­sagt, schließlich sind es nur noch zwei Tage bis zum ersten öffentlichen Konz­ert der aktuellen Arbeit­sphase. Bevor Alexan­der Mot­tok näher in Details geht, ges­tat­tet er seinen Musik­erin­nen und Musik­ern erst ein­mal einen Durch­lauf. Cel­list Cem Cetinkaya geht der­weil ganz in die Vollen, schont wed­er sich noch sein Instru­ment. Wer sich als Beobachter in diese Probe hineingeschlichen hat, merkt sofort: Hier sind Men­schen am Werk, die in ihrem Engage­ment für die Musik aufge­hen, die mit Lei­den­schaft dabei sind. Und nur so erre­icht das Orch­ester die nicht unbe­trächtlichen Ziele, die es sich immer wieder set­zt.

Der Traum eines Münch­n­er Medi­zin­ers
Die Grün­dung des Deutschen Ärz­teorch­esters (DÄO) vor 22 Jahren war eine rasche Angele­gen­heit, die nur einige wenige Monate in Anspruch genom­men hat. Ein entsprechen­der Aufruf unter anderem im Deutschen Ärzteblatt genügte – und im Nu hat­ten sich rund fün­fzig Men­schen bei Dieter Pöller in München gemeldet: Kol­legin­nen und Kol­le­gen, von denen sich bis dahin kaum jemand per­sön­lich kan­nte, die aber leb­haft inter­essiert waren an der Geburt eines ersten gesamt­deutschen Ärz­teorch­esters. So schnell dieser Gedanke in die Tat umge­set­zt war, vom Him­mel gefall­en war er beileibe nicht. Denn Dieter Pöller, der 1924 in West­falen geborene Naturheilkundler, erfüllte sich mit „seinem“ DÄO den lang ersehn­ten Wun­sch, nicht nur ein auf die Region begren­ztes Ensem­ble dirigieren zu kön­nen – wie das von ihm Ende der 1960er Jahre ins Leben gerufene Ama­teu­rorch­ester in München. Pöller wollte mehr und Größeres. Auf dem Weg dor­thin hat­te er schon früh seinen Wirkungskreis als Medi­zin­er nach München ver­legt. Ganz bewusst, standen ihm dort doch Möglichkeit­en offen, das zu tun, was neben der Medi­zin qua­si als zweites Herz immer in sein­er Brust schlug: Musik zu machen, und hier ganz speziell: zu dirigieren. Etliche Jahre ver­brachte Pöller am späteren Richard-Strauss-Kon­ser­va­to­ri­um, lernte bei Fritz Rieger, schaute dem großen Celi­bidache über die Schul­ter, studierte die wichti­gen Par­ti­turen der Orch­ester­lit­er­atur. Damit legte er das Fun­da­ment für fün­fzehn erfol­gre­iche Diri­gen­ten­jahre, in denen er beim DÄO seit sein­er Grün­dung stets den Takt angab.
Pöllers Arbeit prägt das Orch­ester bis heute, auch wenn am Pult inzwis­chen ein Gen­er­a­tio­nen­wech­sel stattge­fun­den hat. Alexan­der Mot­tok, Jahrgang 1972, wurde zunächst Pöllers Assis­tent, dann sein Nach­fol­ger als Chefdiri­gent des DÄO. Mehrfach übers Jahr verteilt lädt es seine Mit­glieder zu Proben- und Konz­ert­pro­jek­ten irgend­wo in Deutsch­land ein. „Es ist schon eine ganz andere Art zu arbeit­en“, stellt Mot­tok fest. In der Tat: Die Stre­ich­er lassen sich keineswegs ent­muti­gen, wenn sie diese ver­track­te Sechzehn­tel-Stelle im Schu­mann-Scher­zo zum x-ten Mal wieder­holen müssen. Manch­mal brauchen auch hoch qual­i­fizierte Laien­musik­er etwas länger.

Gegen den Fachid­ioten-Trend
Apro­pos Laien­musik­er: So ganz stimmt das im Fall des DÄO nicht. Einige der im DÄO aktiv­en Ärzte, Apothek­er und Medi­zin­studieren­den haben eine Dop­pelaus­bil­dung, sind also auch auf ihrem Instru­ment dur­chaus pro­fes­sionell. „Es scheint sich her­auszustellen: eine dop­pelte Begabung für Musik und Medi­zin ist gar nicht so sel­ten! Ich weiß von ein­er Medi­zin­stu­dentin in München, die am Insti­tut für Geschichte der Medi­zin pro­moviert über das The­ma Was eint und was tren­nt Ärzte und Kün­stler?“, berichtet Michael Scheele, erster Vor­sitzen­der des DÄO. Vielle­icht ist diese Art Dop­pel­be­gabung auch der Grund, dass auf der Ebene von Städten, Regio­nen oder inner­halb der Gren­zen divers­er Bun­deslän­der eine ganze Rei­he ver­schieden­er Ärz­teorch­ester existieren, schon sehr lange Zeit und mit je unter­schiedlichen kün­st­lerischen Ansprüchen.
Das DÄO jedoch ist nach wie vor sin­gulär. Sich­er ste­ht der Spaß am Musizieren im Vorder­grund. Und dafür investieren die Orch­ester­mit­glieder ganz per­sön­lich eine Menge Geld und noch viel mehr Zeit. Konz­ert­meis­ter Rolf Klein­schmidt betont noch einen weit­eren Aspekt: „Wir ver­ste­hen uns schon als ein Stück Gege­nen­twick­lung zu dem herrschen­den Trend, dass Leute in ihrem Beruf zunehmend zu Fachid­ioten wer­den. In der Medi­zin ist es eine ganz wichtige Sache, über den Teller­rand hin­auszuschauen, auch in Bezug auf unsere Patien­ten. Die Medi­zin­er, die nichts neben­her machen, haben, glaube ich, auch Prob­leme mit der Kom­mu­nika­tion zwis­chen ihnen und ihren Patien­ten“, so Klein­schmidt, der zu den Grün­dungsmit­gliedern des DÄO gehört. Musikalisch aktive Ärzte seien keineswegs in jedem Fall die besseren Ärzte – aber welche, zu denen der eine oder andere Patient wom­öglich spon­tan­er Zugang bekäme – und umgekehrt. Das fol­gt der ganzheitlichen Sichtweise auf Leben und Arbeit, wie DÄO-Grün­der Dieter Pöller sie pflegt.
Dass die Grün­dung des Orch­esters in das Jahr des Mauer­falls 1989 fiel, war rein­er Zufall, bot jedoch die Chance, Kol­le­gen aus den neuen Bun­deslän­dern zum Mit­machen zu gewin­nen. In der Tat gab es nach der Wende Zuwachs. „Das ist sowohl men­schlich als auch instru­men­tal­tech­nisch bis heute eine echte Bere­icherung“, kon­sta­tiert Rolf Klein­schmidt. Auch wenn sich die musizieren­den Ärzte nur zwei- bis dreimal pro Jahr zu ihren Arbeit­sphasen tre­f­fen, so ver­ste­hen sie sich doch als eine große Fam­i­lie, aus der her­aus sich immer wieder kleine, solis­tisch beset­zte Ensem­bles bilden. Da ist es kein Wun­der, wenn sich nach den Orch­ester­proben oder sog­ar in den Mit­tagspausen diverse Grüp­pchen abset­zen. Die einen spie­len Beethovens Bläs­er-Septett, die anderen haben Spaß am Stre­ichquar­tett. Die große Beset­zung mit bis zu 130 Aktiv­en macht da vieles möglich.
For­mal gese­hen ist das DÄO ein ganz nor­maler einge­tra­gen­er Vere­in mit einem Vor­stand, ver­schiede­nen Sprech­ern der einzel­nen Instru­menten­grup­pen – und einem „Mäd­chen für alles“. Das heißt Christa Schmolke, spielt mit bei den 2. Geigen und hält organ­isatorisch die Fäden zusam­men. Von Anfang an ist sie als Geschäfts­führerin und Sekretärin mit dabei und hat manche Erfahrung in Pla­nung und Durch­führung der Proben- und Konz­ert­phasen gesam­melt. In einem Punkt ist sich Christa Schmolke ganz sich­er und schmun­zelt: „Für jeden Krankheits­fall während unser­er Tre­f­fen habe ich einen Arzt!“ Apothek­er sind auch dabei, darüber hin­aus zwei Per­so­n­en aus dem Gesund­heits­di­enst. Und einige Studierende, die vom DÄO finanziell unter­stützt wer­den.

Der Bene­fiz-Gedanke
Die Suche nach Auftrittsorten für das DÄO ist sel­ten ein Prob­lem, dazu haben dessen Mit­glieder reich­lich Kon­tak­te. Da ist es dann schon mal der Münch­n­er Herku­lessaal, die Stuttgarter Lieder­halle, die Laeiszhalle in Ham­burg oder der Kur­saal in West­er­land auf Sylt. „Das ist ein tolles Gefühl, auf solchen Büh­nen an solchen Orten spie­len zu dür­fen“, freut sich der Vor­sitzende Michael Scheele. In den zurück­liegen­den Jahren waren es fast aus­nahm­s­los Bene­fizkonz­erte, mit denen das Orch­ester auf Reisen ging. Davon kon­nten unter anderem die Muko­viszi­dos­es­tiftung oder die „Ärzte für die Dritte Welt“ prof­i­tieren. Auch dies­mal, im Novem­ber 2010, ging der Rein­er­lös der drei Konz­erte car­i­ta­tiv­en und medi­zinis­chen Ein­rich­tun­gen zu. „Dabei arbeit­en wir kos­ten­deck­end“, erläutert Christa Schmolke. „Reise- und Unter­bringungskosten zahlen unsere Mit­glieder ohne­hin aus ihrer eige­nen Tasche. Aus den Ein­tritts­geldern, den Mit­glieds­beiträ­gen und Spenden wird der laufende Vere­ins­be­trieb finanziert.“ Das ist alles ganz ein­fach.
Rolf Klein­schmidt the­ma­tisiert im Gespräch über das DÄO ein ganz inter­es­santes Span­nungs­feld: „das zwis­chen Profi- und Ama­teu­rorch­estern. Wenn ich selb­stkri­tisch die Ama­teurszene betra­chte, stelle ich fest, dass der gegen­seit­ige Respekt vor­einan­der fehlt. Profis sagen etwas über­he­blich: Was machen die da? Ama­teure sind aber auch manch­mal ganz schön arro­gant, wenn sie meinen, sie seien genau­so gut wie die Profis – was ja sel­ten stimmt.“ Jed­er habe aber seinen Ort in der Musik­land­schaft, jed­er seine Ausstrahlung, so die Überzeu­gung der DÄO-Mit­glieder, die sich­er sein kön­nen, mit ihren Konz­erten auch Men­schen zu erre­ichen, die vielle­icht nie in ein „nor­males“ Sin­foniekonz­ert gehen wür­den. Nicht in Herne, nicht in Düs­sel­dorf, auch nicht in Mönchenglad­bach, wo Mozarts Zauber­flöten-Ouvertüre, Schu­manns Cel­lokonz­ert und Dvoráks Sin­fonie Aus der Neuen Welt während dieser Arbeit­sphase ein let­ztes Mal unter Leitung von Alexan­der Mot­tok erk­lang. Der konzen­tri­ert und präzis probende Diri­gent hat auch dies­mal ein erstaunlich­es klan­glich­es Niveau erre­icht, sich­er auch deshalb, weil er immer wieder mit viel Humor arbeit­et und deut­lich ziel­grup­penori­en­tierte Hil­fe anbi­etet: „Wenn Sie beim Klang dieser Stelle der Par­ti­tur Behand­lungs­be­darf beim Psy­cholo­gen sehen – dann war sie genau richtig gespielt.“ Solche Bilder ver­ste­ht jed­er einzelne der 70 Musik­er an diesem son­ni­gen Vor­mit­tag in der Jugend­her­berge vor dem Düs­sel­dor­fer Rhein­ufer.