Richard Strauss
Eine Alpensinfonie op. 64/Vier Lieder op. 27
Louise Alder (Sopran), Finnish Radio Symphony Orchestra, Ltg. Nicholas Collon
Bei dem Label Ondine ist eine CD mit zwei Werken von Richard Strauss erschienen: Eine Alpensinfonie und Vier Lieder op. 27. Insbesondere die Aufnahme der Alpensinfonie kann man als in höchstem Maße gelungen bezeichnen. Es handelt sich hier um eine sinfonische Dichtung, die eine Bergbesteigung samt nachfolgendem Wiederabstieg zum Inhalt hat. Diese Wanderung kann man auch symbolisch deuten, und zwar als den Weg des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod mit allen seinen Höhen und Tiefen. Friedrich Nietzsche dürfte für dieses Werk Pate gestanden haben, denn Strauss’ Skizzen des Werks sind mit dem Titel von Nietzsches Schrift Der Antichrist versehen.
Dirigent Nicholas Collon und das bestens disponierte Finnish Radio Symphony Orchestra leisten hier ausgezeichnete Arbeit. Vorzüglich gelingt es dem Dirigenten, die unterschiedlichen Stimmungen der Bergwanderung einzufangen und in einen großen symphonischen Zusammenhang zu stellen. Er hat das gewaltige, mehr als 120 Instrumentalist:innen umfassende Orchester bestens im Griff und hüllt das Ganze in einen prachtvollen musikalischen Bogen, der sich durch große Spannungsbögen, perfekte Durchsichtigkeit und einen klaren Fluss auszeichnet. In der Auslotung der Wanderung ist Collon ganz groß. Dabei wahrt er stets den großen musikalischen Zusammenhang. Sämtliche 22 Abschnitte erklingen wie aus einem Guss. Musikalisch-inhaltliche Zäsuren sind an keiner Stelle spürbar. Dramatische, schwere Klänge wechseln sich mit leichten, frischen und schwebenden Passagen ab. Sehr eindringlich geraten dem Dirigenten die fulminanten Höhepunkte. Da geht es im Orchester manchmal sehr wuchtig und markant zu. Dabei wirkt Collons Dirigat gleichzeitig sehr homogen und ausgeglichen. Die von ihm angeschlagenen Tempi sind ausgewogen, weder zu schnell noch zu langsam.
Bei den Vier Liedern klaffen die Leistungen von Dirigent und Sängerin spürbar auseinander. Während Collon auch hier voll in seinem Element ist und Strauss’ Lieder intensiv und gefühlvoll zu Gehör bringt, bleibt die Sopranistin Louise Alder seltsam unbeteiligt. Statt den Liedern zu dienen, distanziert sie sich von ihnen. Über weite Strecken wirkt ihr Gesang unbeteiligt und recht eindimensional. Von einer überzeugenden Auslotung des tieferen Gehalts der vier Gesänge kann keine Rede sein. Louise Alder geht es augenscheinlich nur darum, gesungene Noten in technischer Perfektion abzuliefern. Tief in die Seele der Lieder einzutauchen und diese mit Emotionalität und hoher Ausdruckstiefe zu füllen, ist ihre Sache dagegen nicht. Damit geht den Gesängen eine wesentliche Note ab. Das ist ein erhebliches Manko, das den Wert dieser Lieder-Einspielung trotz des genialen Dirigenten und des vorzüglichen Orchesters etwas mindert.
Ludwig Steinbach


